"Unser Haus"

[Fragment aus meinem derzeitigen B-Projekt.]

Unser Haus - was ist das?

In der Meinhardis-Straße in unserer Hauptstadt steht unser Haupthaus. Aber wir haben Außenstellen im ganzen Land.

Unser Haupthaus wird von uns, unter uns, einfach nur "die Meinhardis-Straße" genannt. Dann weiß jede, was gemeint ist.

Wir sind:

Internat, Schule, Frauenhaus, Ausbildungsstätte, Hochschule, Krankenhaus und Therapiezentrum. Alles in einem.

Wir sind Kloster, Kaserne und bürokratisches Monstrum.

Wir sind Wirtschaftsunternehmen, Dienstleister, Arbeitgeber und Behörde.

Wir sind vierte Teilstreitkraft und Museumsbetreiber (Frauenmuseum, Besuch lohnt sich!)

Wir sind sogar Buch-, Medien- und Musikverlag. 

Wir sind Safe-Space* und lesbisch-radikalfeministische Utopie.

Wir sind im Herzen der Hauptstadt - und dennoch in unserer eigenen Welt.

Wir sind Wahlfamilie. Gebrochene Heldinnen und gefallene Mädchen. Selbsthilfegruppe und Schutztruppe.

Die meisten kommen aus Deutschland und Westeuropa, aber auch von darüber hinaus. Viele Geschichten und Schicksale sind sich ähnlich, aber jede ist einzigartig.

Was uns alle verbindet: Wir stehen auf Frauen.

(*Das war lange, bevor das Wort "Safe-Space" überhaupt erfunden wurde. Ok - vielleicht gibts das im englischen schon seit 1880, aber jedenfalls lange, bevor das Wort, das Konzept, so in der deutschen Sprache präsent wurde)

Bevor ich auf verschiedene der genannten Aspekte eingehe, möchte ich erst etwas Begriffliches klären. Jede/r von uns deutsch-lesenden/sprechenden kennt das Wort "Kampflesbe". Gemeinhin ist das Wort eher negativ konnotiert, und wir alle haben ein vages klischeehaftes Bild im Kopf, was man darunter versteht.

Irgendwann einmal hat ein Mensch zu einem anderen Menschen gesagt: "Warum füllen wir dieses Wort nicht mit einer neuen Bedeutung?!"

Heute würde man das "reclaiming" nennen. Aber dieser Gedanke ward geboren, lange bevor das Wort "reclaiming" zumindest in den deutschen Sprachgebrauch kam. 

"Und was soll das sein?"

"Na: einfach ne Lesbe, die kämpft!"

"Wie jetzt?"

"Na mit allem was dazu gehört: Gewehr, Uniform und Helm…"

Und genau da möchte ich einhaken: "Wirkliche Kampflesben" (im reclaimten Sinne) sind in unserem Haus die wenigsten.

Entsprungen ist der Gedanke aus Selbstverteidigungskursen für Mädchen. Da waren wir schon ein Internat. Im Sportunterricht gab es dann etwas Karate und Judo. 

Und in der ersten Absolventinnengeneration gab es unter denen, die keinen Bock auf eine akademische Laufbahn nach dem Abitur hatten, den Wunsch, Polizistinnen (oder etwas in der Art) zu werden.

Zeitgleich hatte unsere damalige Anführerin den Einfall mit den "Kampflesben". 

Aber wie lernt und trainiert man sowas?

Die Regierung unseres Landes war hilfsbereit: Dieser erste Jahrgang bekam eine eigene Baracke in einer Kaserne des Militärs zugewiesen, Dienstkleidung ausgeteilt und einen Offizier zugeteilt, der die Grundausbildung von 30 jungen Frauen übernahm. Oberst Achim von Tegge-Teggemann-Ost, heute General, ist deshalb einer von ganz wenigen Trägern der ZA-Ehrenhalber-Medaille.

(Zum topic "Militarismus als patriarchales Machtinstrument" sage ich gleich noch was).

Aber bevor ich zu weit abschweife: Das war und ist immer nur ein kleiner Teil unseres Hauses gewesen.

Nur ca. 10% unserer "Schwestern" sind "Kampflesben" wie gerade beschrieben. Aber das ist natürlich plakativ, mit großer Außenwirkung. 

Aber die meiste Arbeit findet nach innen statt. Wir haben Ärztinnen, Krankenschwestern, Therapeutinnen. Wir haben Mechanikerinnen, Elektrikerinnen, Köchinnen - wir bilden alles mögliche aus. Im Haupthaus haben wir ein Mädcheninternat für 321 Schülerinnen. Wir bieten eine Schulbildung zur mittleren Reife und zum Abitur an. 

Anschließend wird die Möglichkeit geboten, ein Studium zu ergreifen (was die meisten machen) - oder sich freiwillig(!) zum Dienst an der Waffe zu melden.(mit begleitender Berufsausbildung/Studium als Möglichkeit).

Natürlich können wir in diesem weit fortgeschrittenen Ausbildungsweg nicht gänzlich auf die normale Außenwelt verzichten - in der realen Welt leben nunmal Frauen und Männer meistens gemischt miteinander - aber wir hoffen, bis zum Abitur unsere "Jungschwestern" stabil, selbstbewusst, und fit genug gemacht zu haben, sie in die große weite Welt zu entlassen.

Da wir aber eben auch Fluchtort, ein sicherer Ort (Safe-Space), bei minderjährigen und/oder aus unterdrückenden Verhältnissen stammenden jungen Frauen auch ein Versteck sind:

Es kommt hin und wieder vor, dass ein Vater, Bruder, (ex-) Freund, Macker/Zuhälter bei uns sturm klingelt, und verlangt, "die [Mädchenname hier einfügen] solle mit nach Hause kommen".

Wir brauchen dann nicht die Polizei zu rufen, wenn die Lage bedrohlich wird. Wir *sind* die Polizei: Unser Staat war so weitsichtig, und hat unseren "Kampflesben" hoheitliche Gewaltenrechte zugebilligt. Wir dürfen Personenkontrollen, Verhaftungen und Durchsuchungen durchführen. Natürlich in Absprache und Zusammenarbeit mit der Polizei - aber wenn so ein Hacho bei uns Randale machen will, dann stehen sofort vier Mädels mit der MPi im Anschlag und eine fünfte wedelt mit den Handschellen.

Dafür braucht man Ausbildung und Training. Es geht nicht darum, einen "lesbischen Uniformfetischismus" zu befeuern, aber wir sind auch physisch nach außen hin wehrhaft, wir unterrichten nicht nur "selbstbewussten kämpferischen Feminismus". 

Aber wie gesagt, das ist *nur* ein kleiner Teilaspekt. Die Hauptarbeit findet im Inneren statt.

(Anekdote: Ich selbst habe aber, während der Corona-Pandemie-Lockdowns, mit Maschinenpistole, Schutzmaske und Uniform, mit einem Polizisten, dem ich zugeteilt war, vor einem Supermarkt die Personalien der Menschen kontrolliert: An geraden Tagen durften bei uns nur die Menschen mit Nachnamen A-M einkaufen, an ungeraden Tagen nur die Menschen mit Nachnamen von N-Z. Um die Kontakte zu begrenzen. Also wir übernehmen auch hilfspolizeiliche Aufgaben, wenns sein muß. Eigentlich bin ich ja Kunsthistorikerin, aber ich war halt auch in der ersten Abschlußklasse…)

(Fußnote: Was wir *NICHT* sind: Eine Show-Truppe, wie die "Amazonen-Garde" von Gaddafi! Es gibt Feministinnen, die mit einigem Recht behaupten, "Militarismus ist Teil des patriarchalischen Machtgefüges" - und daher von Frauen zu ihrer Selbstverwirklichung und Befreiung abzulehnen. Außerdem sei das Nachahmen patriarchalischer Strukturen nicht der richtige Weg, um eine Befreiung und Gleichberechtigung der Weiblichkeit herzustellen."

Correlation does not mean causation: gleiche Problemstellungen führen zu gleichen, mindestens aber ähnlichen Lösungen. Von Anfang an haben wir uns freiwillig so entwickelt und gruppiert. Das ist kein "nachahmen", das ist ein selbstbewusstes demonstrieren von wehrhaftem Feminismus. So wichtig Rückzugsorte sind - wir wollen uns nicht immer nur "zurückziehen", wir wollen standhaft sein, gleichberechtigt sein. Auf Augenhöhe. Und wenn Frauen und Männer wirklich gleichberechtigt sein sollen, dann wollen wir sie mit "ihren eigenen Waffen" schlagen, und eben nicht mit den "klassischen" (d.h. patriarchalisch definierten) "Waffen der Frau". Und Einwände, eine rein-weibliche zusammengesetzte uniformierte Truppe sei "unweiblich" (und daher abzulehnen): Was ist denn "weiblich"? Wer das fragt, denkt nach patriarchalischen Mustern. Aber nur mit sanften Kurven, Pastellfarben, Empathie, Menstruations-Lyrik* allein ist der Geschlechterkampf und der Kampf um die Selbstbestimmung der Frau nicht zu gewinnen. Kampf heißt Auseinandersetzung. Männer haben Macht, Muskeln und Gewalt - "Stärke". Das Patriarchat zwingt uns diesen Kampf auf - und wir können da nicht einfach mit veganem, fair gehandelten Tofu gegen antreten.**

*u.** ja, das war bewusst provokant formuliert, wie man es vielleicht am ehesten von einem Mann erwarten würde. Aber es geht um unsere Selbstermächtigung. Wir wollen sichtbar sein, laut sein - und hin und wieder auch provozieren.

Schlachtrufe sind schön auf dem CSD - aber es sind "Rufe zur Schlacht". Und darum stehe ich voll hinter unserer Kampflesbentruppe, der ich selbst mal angehört habe, und ihrem Schlachtruf:

"Heute, morgen, gestern: Wir bleiben immer Schwestern!"

(Sorry Leute - da bin ich gerade vielleicht etwas in den vent-modus geraten… ))

Vielleicht sollte ich auf die "Gründerinnen" eingehen. Die zwei Mädchen (denn das waren sie damals), die "uns" erfunden haben.

Hannover, 1999-2000.

Zwei Vollwaisen 15-16 jährige Vollwaisen leben in einer WG für betreutes Wohnen. Für Pflegefamilien sind sie zu alt, zu eigensinnig - zu selbständig. Eines der Mädchen, Kerstin, hat einen Freund, das andere, Sally, ist ihre beste Freundin. 

Sally hat eine irische Mutter und einen deutschen Vater - aber Schicksal und europäische Bürokratie haben sie von Dublin nach Hannover verschlagen. 

Sie hatte ihre Eltern in einem Autounfall verloren - da war sie 13. 

Bei Kerstin war es ähnlich. Ich weiß nur, dass sie ebenfalls mit 14 beide Elternteile verloren hatte.

Und im Alter von 15, versuchte Kerstins Freund, Mike, während einer Party Sex von ihr zu bekommen - was Sally mit einem tätlichen Angriff auf Mike quittierte. Einzelheiten sind mir nicht genau bekannt, und alles, was ich weiß, sollte ich besser nicht preisgeben. Jedenfalls sind die beiden dann damals abgehauen/ausgebüxt. Eine Woche haben sie sich mit geklautem Geld im Ahrtal (Bad Neuenahr) aufgehalten - bis sie wieder vom Jugendamt und der Polizei eingefangen wurden.

Seit dieser Zeit waren die beiden ein Paar. 

In dieser Zeit (und im Nachgang über ein Chatportal namens "portey") in Bad Neuenahr lernten die beiden nacheinander zwei andere Jugendliche kennen: Chef und Johanna de Clerk.

Fast forward to 2004/5: Alle sind 18, "was machen wir jetzt?". Und dann hatte Sally, inspiriert durch ihre zeit mit Kerstin, die Idee: "Wir gründen eine eigene Schule. Ein Internat! Nur für Mädchen - Mädchen wie uns!"

Posted Nov 3, 2025, 9:12 PM UTC

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