Der Geruch von pinken Lilien
Der Spatel lag ruhig in meiner Hand, meine Hand so ruhig als gehörte sie nicht zu meinem Körper. Vorsichtig presste ich den Kitt in die kleinen Risse auf der Leinwand. Hätte ich nur besser auf das Bild aufgepasst, dann hätte ich es nicht reparieren müssen. Restauration ist Präzisionsarbeit, zu viel und das Bild wird verfälscht; zu wenig, und der Zerfall geht weiter.
Ich liebte diese Momente schon immer. Wenn die Welt stillsteht und nur noch ich und das Gemälde vor mir existierten. Es ist fast schon eine Art der Meditation - ohne Unterbrechungen, das Ziel immer klar vor Augen. Ich atmete tief ein, aber anstelle des scharfen Geruchs von Terpentin und Öl trifft mich ein lieblicher Duft. Ein süßer und sanfter Duft. Ein Geruch der so gar nicht in die staubige Luft meines Ateliers passt - Lilien.
Verwirrt schaute ich mich um. Es ist als stünde jemand im Raum - ein stiller Beobachter - mit einem großen Strauß in den Armen. Der Spatel schwebte über der Leinwand. Mein Blick wanderte über meinen Arbeitsplatz. Doch außer dem üblichem nichts. In einem kleinen Topf steht ein verwelkter Kaktus - Den hätte ich wohl weniger gießen sollen.
“Schatz?”
Leicht zuckte ich zusammen. In der Tür stand Anna. In ihrer Hand ein rotes Buch mit der Aufschrift “Krieg und Frieden” - Sie hatte damals Tolstoi für sich entdeckt. Ihr Blick ging an mir vorbei, starr fokussiert auf die Staffelei vor mir.
“Du hast immer noch nicht aufgegeben?”, fragte sie mit flacher Stimme.
“Es ist fast fertig.” sagte ich und lag den Spatel ab. Ich spürte ein kleines ziehen in meinen Schultern, ein leichtes drücken - wie ein nicht gut sitzender Rucksack - als hätte ich zu lange gebückt gearbeitet. “Ich kriege das hin Anna, schau doch. Ich bin schon soweit gekommen, jetzt kann ich auch nicht mehr aufgeben. Wenn man nicht locker lässt kann man jedes Gemälde retten.”
Sie richtete ihren leeren Blick zu mir - sie drückte das Buch fest gegen ihre Brust, sich selbst vor kälte umarmend. Sie blieb an der Grenze zwischen Flur und meinem Atelier stehen. “Weißt du, vielleicht will es gar nicht gerettet werden. Manche Dinge brechen einfach, weil ihre Zeit abgelaufen ist.”
Ein schmunzeln lief mir über das Gesicht. “Wahrscheinlich hätte ich es nicht solange auf dem Dachboden liegen lassen sollen. Aber nichts läuft ab, wenn man sich darum kümmert und es gut behandelt. Das hast du mir beigebracht. Dein Lachen inspiriert mich jeden Tag den Pinsel in die Hand zu nehmen. Solange du bei mir bist kriege ich jedes Bild wieder ganz.”
Ich nahm das Spachtelmesser in die Hand und der Geruch von Lilien verstärkte sich. Wann hatte ich wohl zuletzt Lilien gerochen? Ich gab mein bestes den Geruch auszublenden und lächelte sie blind an. “Vielleicht ist es nicht teuer, aber für mich ist es unersetzbar. Wie auch all die anderen Bilder die du mir geschenkt hast.”
“Komm”, sagte ich stand auf und ging an ihr vorbei. “Lass uns essen. Ich hab schon alles unter Kontrolle”
Posted Feb 11, 2026, 10:24 PM UTC