Ich habe in meinem gesamten Arbeitsleben (bisher) nie wirklich hart gearbeitet

Austausch/Diskussion

Ich hätte diesen Post auch bei r/beichtstuhl oder irgendwie auch bei r/luftablassen einstellen können, wegen des allgemeine Kontextes habe ich mich aber hierzu entschieden.

Kurz zu mir: ich bin Mitte 30, arbeite seit 15 Jahren in einem deutschen Großkonzern und habe in der gesamten Zeit nie wirklich über einen längeren Zeitraum viel, anstrengend, stressig oder sonstig negativ behaftet arbeiten müssen. Und damit meine ich eh schon körperlich wenig fordernd (dafür in anderen Fällen sicher anders „belastende“ Büroarbeit).

Ich bin derzeit in meiner vierten Position im Unternehmen und möchte kurz schildern, wie meine Arbeit und Belastung bisher so verlief.

  1. Position - Die Ausbildung.

Ich habe eine kaufmännische Ausbildung gemacht und möchte hier nur auf den betrieblichen Aspekt eingehen. Von der Berufsschule und den dortigen Erfahrungen will ich gar nicht anfangen.

Meine Ausbildung ging 2,5 Jahre und ich durchlief dabei circa 10 Abteilungen. Es gab Fälle, wo meine Kraft als Azubi durchaus geschätzt wurde und ich auch aktiv mitarbeiten konnte, eine Mehrwert schaffen eben.

Es war aber nie der Fall, dass ich oder die anderen Azubis „ausgebeutet“ wurden, a la Lehrjahre sind keine Herrenjahre.

In anderen Abteilungen war man als Azubi quasi egal und wenn man sich selbst beschäftigen konnte (irgendwann konnte ich das Intranet auswendig), waren alle damit zufrieden.

  1. Position - Die erste richtige Stelle, Schichtdienst

Ich wurde in einer der Abteilungen übernommen, in der es mir gefiel und ich richtig mitarbeiten konnte. Natürlich wollte ich dorthin, denn schon während meines Einsatzes dort ist mir die überschaubare Arbeitslast aufgefallen.

Die Schichten gingen eigentlich von 06-14 Uhr, bzw. 14-22 Uhr auch am Wochenende, wobei grundsätzlich 1 Stunde früher gegangen wurde, gestempelt wurde nicht, Schichtübergabe per Telefon.

Abgesehen von einer paar Belastungs“spitzen“ vor Weihnachten belief sich die wirkliche Arbeitszeit auf 2-3 Stunden pro Schicht, der Rest ging für ausgedehnte Pausen, Besorgungen oder Surfen im Internet drauf (das war ein Upgrade zum Azubi-Dasein).

Das anstrengendste an dieser Zeit war mein Bachelorstudium, das ich berufsbegleitend absolviert habe.

  1. Position - Normaler Tagesdienst und die erste Erkenntnis das jeder hier nichts schafft

Mit Abschluss des Studiums war ich nun zu höherem qualifiziert und wechselte die Stelle (dass das Studium eine rein formelle Sache war und keinen Bezug zur eigentlichen Arbeit hatte ist ja wohl klar). Ich war motiviert und dachte mir, ab jetzt ist die stressfreie Zeit vorbei und ich müsste wirklich was leisten.

Falsch gedacht. Meetings für wirklich jeden Scheiß, mit absurd großen Teilnehmerkreisen, endlose Gespräche in der Kaffeeecke, einfach mal über den Flur schlendern um zu gucken wer noch so da ist, usw.

Arbeit? Auch hier abgesehen von ein paar Projekten oder Urlaubsvertretungen, maximal 3-4 Stunden am Tag.

Das ganze natürlich 5 Tage die Woche im Büro.

Doch dann kam Corona und ich werde nicht extra erwähnen, was das bedeutet hat.

  1. Position - Ich glaube so langsam das bleibt so

Selbst mir wurde das irgendwann zu langweilig und ich wollte etwas anderes ausprobieren.

Gesagt getan, einige Male intern beworben, einige Male abgelehnt, aber irgendwann hat’s geklappt.

Am Anfang wieder hoch motiviert, irgendwann muss ich doch mal produktiv sein, oder?

Aber nach kurzer Zeit wurde auch hier mir bewusst, dass mit minimalem Aufwand meine Arbeit erledigt werden kann.

Das geht nun seit 4 Jahren so, inzwischen wieder 1-2 Mal pro Woche im Büro, aber was das bedeutet wissen wir ja.

Ich kann mich auch eigentlich nicht beschweren. Die Arbeit, die ich habe, macht mir Spaß.

Circa alle 6 Wochen geht’s für 1-2 Tage auf Dienstreise innerhalb Europas, einmal im Jahr auch weiter weg, diverse Trainings, Kurse, etc.. Das Ganze wird mit 80.000€ im Jahr vergütet.

Und ich bin ja nicht der einzige.

Sicher, es gibt Kollegen oder Stellen im Konzern die reißen sich den Arsch auf und ackern richtig, aber es gibt auch solche, die noch weniger machen. Also setze ich mich mal als Durchschnitt an.

Die nächste Stufe wäre eine Position mit Führungsaufgaben, meiner Meinung nach müsste es da ja mal richtig losgehen mit „arbeiten“. Aber nun ja, diesen Irrglauben hatte ich ja schon öfter.

Warum schreibe ich mir diesen Text nun von der Seele?

Nun zum einen liege ich in eine Hotelzimmer und kann nicht schlafen.

Zum anderen finde ich es verrückt, welche Rolle Glück dann doch ausmacht.

Glück die richtige Wahl getroffen zu haben.

Meine Frau arbeitet im Einzelhandel, Fachbereich mit Beratung. Die arbeitet jeden Tag 8 Stunden, ist dauerhaft auf den Beinen, redet sich den Mund fusselig, muss sich mit Kunden aller Art und deren Anliegen rumschlagen, ist abends einfach nur KO und bekommt wesentlich weniger als ich (ja klar kein Studium, kein Bürojob, aber von der Leistung verdient sie mehr als ich, bzw. sollte).

Ach und ärgern über mich selber tue ich mich auch noch weil ich die ganze freie Zeit die ich nebenbei habe für nichts gescheites genutzt habe, sondern einfach nur YouTube und Netflix schaue.

Danke fürs Zuhören.

Posted Feb 16, 2026, 8:28 PM UTC

14072
Loading comments…