"Ich weiß ich bin privilegiert" wird zu inflationär genutzt
Vielleicht bin ich damit nicht alleine und ich merke endgültig, dass mir social media zu viel wird. Jedenfalls: ich kann die Aussage "ich weiß dass ich privilegiert bin" nicht mehr lesen/hören. Nicht weil es nicht richtig ist, sich mit seinen Privilegien auseinander zu setzen. Es ist gut, dankbar für das zu sein, was man hat und das auch im sinne der Mitmenschen zu nutzen. Oder zumindest mitbedenken, wo man vielleicht selbst Vorteile hatte, die jemand anderes nicht hat.
Was mich nervt, ist dass es meistens bei Problemen dazu gesagt wird. "Ich weis, dass ich priviligiert bin, aber mich stört mein Job" "ich bin grad traurig, obwohl ich weiß dass ich privilegiert bin". Ja und? Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Man kann psychisch erkrankt UND privilegiert sein. Nur als beispiel. Für mich hat es etwas von einer vorgeschoben Absicherung. Daher klingt es mittlerweile eher nach "ich will ja nicht jammern", oder "bitte greift mich nicht an, ich weiß schon, dass es mir eigentlich gut geht" und DAMIT ist nun wirklich niemandem geholfen. Das sagt mehr über social media Dynamiken aus als über die tatsächlichen privilegien. Als müsste man sich vorher entschuldigen, dass man über sein individuelles Problem spricht.
Aber damit passieren, meiner Meinung nach, zwei Dinge: erstens nimmt es für mich die ernsthaftigkeit der thematik (was es wahrscheinlich auch tun soll) und zweitens wird das wort privileg selbst relativiert. Man darf doch einfach sagen, dass es einem schlecht oder gut geht, ohne vorher seine gesellschaftliche Position zu relativieren?! Es kommt ja auch drauf an, WIE man das kommuniziert, da kann man dann noch so sehr betonen, dass man privilegiert ist, wenn sonst keine wirkliche Auseinandersetzung mit Privilegien folgt.
Es ist einfach schnell dazwischen geschoben. Entweder du redest darüber oder du lässt es. Egal ob über deine Herausforderung oder deine Privilegien. Aber alles hat seine Zeit und seinen Platz. Daher kommt "ich weiß ich bin privilegiert" mir eher mittlerweile als lippenbekenntnis vor, denn als wirkliche Auseinandersetzung. Und das finde ich sehr schade.
Ich hätte wahrscheinlich einfach gern, dass Menschen im Zweifel lieber nett sind. Aber das passiert öfters nicht, deswegen muss man das ausbuchstabieren. Anstatt dass man Taten sprechen lässt statt Worte.
Geht das noch jemandem so oder sehe ich das zu kritisch?
Posted Mar 5, 2026, 7:55 PM UTC