Ingenieur werden? Ich würd’s heute nicht mehr machen
Ich check’s ehrlich gesagt nicht mehr, warum man medial immer noch so massiv das Ingenieurstudium bewirbt. (Anzumerken ist, dass eine Gegenreaktion bereits stattgefunden hat: Immer weniger Abiturienten studieren MINT)
Wenn man den ganzen Verbänden zuhört (VDI, VDMA, Bitkom usw.), dann herrscht ja quasi immer ein Fachkräftemangel, zu wenig Nachwuchs, "wir brauchen mehr Leute", am besten noch mehr aus dem Ausland. Gefühlt jeden Monat kommen solche "Wasserstandsmeldungen". Aber das passt halt null zu dem, was ich so mitbekomme. Aktuell werden sehr viele Ingenieure in Kurzarbeit geschickt oder gleich ganz entlassen. Es betrifft vor allem Schwerindustrie (Metallerzeugung und Bearbeitung), KFZ-Industrie, Chemie, Pharma. Ob es wieder besser wird, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht abzusehen.
Die Industrieproduktion ist seit dem Peak 2017/2018 bis Ende 2024 um etwa 15 % gefallen. Die Rückgänge aus 2025 sind da noch gar nicht eingerechnet und für 2026 sieht’s aktuell auch nicht nach Erholung aus. Heißt für mich: Die Basis für viele klassische Ingenieurjobs schrumpft seit Jahren. Projekte werden gestrichen, Bereiche abgebaut und nach Fernost verlagert, Neulinge nicht eingestellt und gleichzeitig wird weiter vom „Fachkräftemangel“ geredet, als hätten wir 2018.
Ich hab eher das Gefühl, dass Ingenieure einfach keine Lobby haben. Ärzte, Juristen, Lehrer, die sind ganz anders aufgestellt und kriegen auch politisch viel mehr durch. Beim Ingenieur wirkt’s eher so, als wäre ein großes Angebot sogar gewollt, damit die Gehälter schön niedrig bleiben.
Und dieses „sicherer Job“ kann ich auch nicht wirklich bestätigen. In meinem Umfeld sind es oft Ingenieure, die bei Flaute als Erste in Kurzarbeit landen oder deren Projekte gestrichen werden. Dazu kommt dieses ganze Thema mit Zeitarbeit/ANÜ. Ich kenne einige, die da drin hängen. Bei BWLern oder Juristen sehe ich das ehrlich gesagt viel seltener.
Gehalt ist auch so ein Punkt. Klar, nominal ist das heute mehr als früher. Aber wenn man mal Inflation dagegenhält, ist das eigentlich ziemlich mau. Für das Studium, das echt kein Selbstläufer ist, finde ich das schon enttäuschend. Die Einstiegsgehälter sind in den letzten 20 Jahren nominal kaum gestiegen. Real sind sie gefallen.
Was mich auch nachdenklich macht, ist die Perspektive nach hinten raus. Ich hab schon ein paar Fälle gesehen, wo Leute mit Mitte 50 plötzlich „zu teuer“ oder „nicht mehr flexibel genug“ waren. Das ist schon hart, wenn man merkt, wie schnell man aussortiert wird.
Und wenn ich dann sehe, wie es in anderen Bereichen läuft: Lehramt, Medizin, Jura, öffentlicher Dienst. Dort wirkt das alles deutlich stabiler und planbarer mit teils besseren Gehältern.
Unterm Strich denk ich mir mittlerweile echt, ob ich das nochmal machen würde? Stand jetzt eher nein. Aufwand und Nutzen stehen für mich einfach nicht mehr wirklich im Verhältnis. Ist das nur meine Wahrnehmung oder geht’s euch ähnlich?
Aktuell habe ich noch einen Job, aber es sieht auch bei uns nicht sonderlich gut aus. Kurzarbeit und Entlassungen werden erwogen. Ich selbst habe Prozesstechnik studiert und arbeite in der Chemieindustrie.
Posted Apr 6, 2026, 1:24 PM UTC