Wenn Sichbarkeit kippt....

Sichtbarkeit von Autismus und ADHS hat in den letzten 5 bis 10 Jahren signifikant zugenommen. So stark sogar, dass von „Epidemie“, „Trend“ und „unbedingt haben wollen“ gesprochen wird. Und das auf eine Art, dass bei nicht betroffenen Menschen längst ein Konterimpuls anspringt. Sätze wie: „Heute ist ja jeder autistisch“ oder „jetzt hat plötzlich jeder ADHS“ sind inzwischen fast schon reflexartig geworden.

Der Druck ist enorm. Vor allem für Betroffene, die keine veraltet klassischen Symptome zeigen, die verbal kommunizieren, die masken können und ein halbes Leben lang „irgendwie funktioniert“ haben. Also insbesondere spätdiagnostizierte Personen oder Kinder und Jugendliche, die vor 10 Jahren noch klar durchs Raster gefallen wären. Ihre Diagnosen werden in der breiten Masse nicht anerkannt, nicht ernst genommen und oft ins Lächerliche gezogen.

Das führt seit Jahren zu etwas, das kaum jemand laut ausspricht: Community-interne Schuldzuweisungen, Abgrenzung, Mobbing, Hass und Hetze. Dabei wird auch nicht davor zurückgeschreckt, faktisch falsche oder zumindest fehlinterpretierte Diagnostikkriterien zu verbreiten, anderen aktiv die Diagnose abzusprechen oder ihnen andere Diagnosen zu unterstellen. Und auffällig oft trifft es genau die Menschen, die nicht dem eigenen Wunschbild davon entsprechen, wie „autistisch sein“ auszusehen hat.

Das ist inhärent ableistisch und zeigt sich teilweise schon in einer Art Aspie-/ADHS-Supremacy. Paradox wird es dort, wo genau die Menschen ausgeschlossen werden, die besonders intensive Symptomatiken haben. Menschen, die oft gar nicht öffentlich sprechen können. Sie werden nicht eingeladen, nicht erwähnt, nicht mitgedacht. Und wenn sie sich doch äußern, wenn sie ihre Lebensrealität einbringen, wird ihnen nicht selten vorgeworfen, sie würden sich in den Mittelpunkt stellen oder die Struggles von spätdiagnostizierten, eloquenten, verbalen autistischen Menschen nicht anerkennen.

Und mir scheint, wir haben alle etwas Entscheidendes aus den Augen verloren: Wir befinden uns gerade in einer historisch einmaligen Situation. Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es so viele autistische Menschen, die offensichtlich für sich selbst sprechen können, die das auch wollen und die etwas zu erzählen haben. Noch nie hatten wir so viel Zugang zu Wissen, Studien und Statistiken und gleichzeitig Social Media als Verstärker, plus eine kaum fassbare Menge an persönlicher Evidenz.

Und niemand scheint zu merken, dass wir selbst es sind, die den Diskurs verschieben, die Repräsentation vermasseln und anderen den Raum nehmen. Den Raum, den sie genauso, wenn nicht noch dringender brauchen würden als wir.

Aber wir sind ja alle neu in diesem Spiel, oder? Endlich gesehen werden, endlich Relatability, endlich unsere Wahrheit teilen – mit Zuspruch und diesem leisen Geschmack davon, plötzlich ein bisschen „beliebt“ zu sein. „Jetzt komme ich“ schwingt in uns allen mit.

Und trotzdem erzählen wir uns gerne, dass wir das alles nur tun, um aufzuklären, zu schützen und zu helfen.

Ein Betrug. An uns selbst. Und an denen, die nicht für sich sprechen können oder sich nicht trauen.

Posted Apr 9, 2026, 8:03 PM UTC

10
Loading comments…