[TW] Ich muss einfach mal meine Gedanken teilen...

transfem in spe

Hey, ihr Lieben,

Posts wie dieser hier landen bestimmt andauernd hier, aber ich muss mir einfach mal meine Gedanken und Gefühle von der Seele schreiben. Ich habe das Privileg, einen sehr toleranten und verständnisvollen engen Freundeskreis zu haben, doch ihr hier könnt bestimmt deutlich mehr damit anfangen. Ich weiß gar nicht genau, was ich mit diesem Post bezwecke, erwarte hier auch keine psychologische Einschätzung, ob ich denn nun tatsächlich trans bin, dafür sind die Fachleute zuständig, aber ich möchte einfach mal meine Gedanken und meine Geschichte teilen und herausfinden, ob es Leuten hier ähnlich geht oder ging.

Aktuell bin ich fast 27 und dachte bisher eigentlich immer, dass ich mich absolut wohl damit fühle, ein cis Mann zu sein. In der Pubertät wollte ich eher sogar extrem maskulin sein, mein Bartwuchs und mein Stimmbruch konnten nicht schnell genug kommen. Ich weiß noch, dass ich mit 16 dachte, Adam Jensen aus Deus Ex sei der coolste und männlichste Typ überhaupt. Um ehrlich zu sein, hätte ich nie damit gerechnet, mich jemals so sehr mit meiner Geschlechtsidentität auseinanderzusetzen.

Zudem sei gesagt, dass ich seit meiner Pubertät mit Depressionen, einer Angststörung und eventuell ADHS zu kämpfen habe und ich in den letzten Jahren sehr unzufrieden mit mir selbst und gewissen Entscheidungen war.

Aber seit einiger Zeit verspüre ich täglich wirklich so etwas wie Sehnsucht danach, eine Frau zu sein. Wenn man mir jetzt, in diesem Moment, einen Knopf hinhalten würde, der mich morgen als Frau aufwachen lässt -- ich würde ihn ohne jegliche Vorbehalte und mit voller Überzeugung drücken. Mit diesem Gedanken scheine ich ja auch definitiv nicht allein zu sein.

Dabei war ich auch die letzten Jahre nicht mehr wirklich ein Klischeemann.

Vielleicht kennen einige von euch das Remake zu _FINAL FANTASY VII_ von 2020 und die Szene, in der sich Cloud Strife als Frau ausgeben muss, um einer Brautschau beizuwohnen. Die wunderschöne Szene, in der Cloud im Honigtöpfchen hübsch gemacht und von Anyan sogar noch darin bestärkt wird, seine Flügel auszubreiten, hat etwas in mir losgetreten, gemeinsam mit der Figur des Ruka Urushibara aus dem Anime _Steins;Gate_. Es mag etwas erbärmlich klingen, dass ein Anime und ein Computerspiel diese Gedanken in mir ausgelöst haben, aber ich habe damals wirklich das erste Mal begriffen: Hey, ich darf auch als Mann in meiner Erscheinung komplett frei sein.

Durch Ruka habe ich erfahren, was Femboys sind, und mich gefragt, ob das nicht eine Identität ist, die zu mir passen könnte. Ich habe begonnen, androgyne Männer und eben attraktiv zu finden, auch wenn ich mich mittlerweile immer noch als hetero bezeichnen würde. Oft war ich wirklich beeindruckt davon, wie man diesen Leuten kaum ansieht, dass sie männlich sind (wobei viele Femboys sich ja auch nicht als nur männlich identifizieren).

Ich habe begonnen, selbst mit meiner Erscheinung zu experimentieren. Ich habe versucht, mir die Haare wachsen zu lassen, habe mir Schminke gekauft und oft versucht, mein Gesicht androgyner wirken zu lassen. Ich habe mir im Rahmen dessen auch die Beine rasiert und mir zwei Röcke gekauft, einen kurzen und einen fast bodenlangen Wickelrock von Arc'teryx, mit dem ich auch mehrmals draußen war. Damals habe ich aber auch in Mannheim und Heidelberg gewohnt und in meiner schwäbischen Kleinstadt hätte ich mich das deutlich weniger getraut.

Diese »Femboyphase« kam und ging dann über die letzten Jahre alle paar Monate wieder. Aber diese tatsächliche Sehnsucht, eine Frau zu sein, verspüre ich erst seit Winter letzten Jahres.

Ich habe bis März diesen Jahres ein Jahr lang bei einem Bäcker im Verkauf gearbeitet, und dort kam es mehrmals am Tag vor, dass ich weibliche Kunden darum beneidet habe, so schöne und vielfältige Outfits tragen zu können. Seien es Kleider, schöne Oberteile oder einfach der gesamte Style.

Ich habe mir immer wieder gewünscht, auch so etwas tragen zu können. Darauf folgte der Gedanke, dass ich das ja nicht kann, weil ich nicht den passenden Körper für solche Kleidungsstücke habe. Meine Taille ist ja zu schmal, und ich habe keine Brüste, und meine Schenkel sind auch nicht dick genug und so weiter. Und das hat mich traurig gemacht, dass ich geglaubt habe, nicht in der Lage zu sein, solche Klamotten tragen zu können. An einem 176 cm großen und 82 kg schweren Männerkörper mit Bäuchlein sieht ein Rock natürlich auch sehr viel anders aus.

Diesen Frust darüber, dass mein »Körper nicht passt«, konnte ich damals noch gar nicht wirklich einordnen und hab ihn einfach mit einem »Tja, da kann man nichts machen« beiseitegeschoben.

Aber mittlerweile, seit etwa November, ist da diese wirkliche Sehnsucht. Das Gefühl, dass ich nach dem Duschen in den Spiegel blicke und mir denke: Ach, wie gern hätte ich doch eine Taille/Schultern/ein Gesicht wie eine Frau. Dass ich meine Körperbehaarung noch mehr hasse als ohnehin schon. Dass ich bei der Vorstellung, von einer cis Frau (bildlich gesprochen) gesagt zu bekommen: »Du bist jetzt eine von uns«, zu weinen anfange. Dass ich mich fast täglich auf r/transtimelines herumtreibe, und mir bei vielen der Topposts wünsche, dass das Ergebnis bei mir genauso hübsch sein wird.

Dass ich mir wünsche, einfach eines der Mädels sein zu können. Dass mir der Gedanke, mich vor meiner Mutter als trans Frau zu outen, Angst macht, weil sie konservativ, spießig und intolerant ist und mich als >!Schwuchtel und Transvestit!< beleidigt hat, als ich vor ein paar Jahren mal ausprobiert habe, ob mir Kajal steht. Dass ich aus Frust zu weinen beginne, weil ich mit der Tatsache klarkommen muss, nie eine Periode zu haben, nicht als Frau geboren zu sein oder einfach das Label Mann nicht mehr tragen will.

Ich würde aktuell auch mit voller Überzeugung sagen, dass ich alle Schattenseiten in Kauf nehmen würde, wenn ich dafür eine cis Frau sein könnte. Seien es der Sexismus im Alltag, die Angst vor übergriffigen Männern, die Periode, die Benachteiligung im Arbeitsmarkt, die Schönheitsstandards … einfach alles.

Natürlich würde ich als Mann klarkommen. Das bin ich die letzten 26 Jahre auch. Aber als Frau würde ich trotzdem einfach besser klarkommen.

Ich habe mich besonders in den letzten Wochen auch andauernd gefragt: Ist das wirklich Dysphorie? Oder ist das einfach nur dieses »Ich hasse mich bzw. mein aktuelles Leben, und wäre gern jemand anderes?« -Gefühl …
Ich habe kürzlich auch mit einer guten Freundin gesprochen, die auch wie ich an Depressionen und einer Angststörung leidet, und auch sie hat mir erzählt, schon einiges an Erfahrungen mit Dysphorie gemacht zu haben. Natürlich habe ich vor, damit zu einem Psychologen zu gehen und das abklären zu lassen. Aber gleichzeitig habe ich einfach das Gefühl, dass es einfach das Richtige ist, und selbst wenn mir ein Arzt sagen würde, dass ich keine Dysphorie habe, ich trotzdem glücklicher damit wäre.

Vor allem möchte ich optimistisch in die Zukunft blicken. Ich bin fest davon überzeugt, dass bei mir alles irgendwann gut wird und ich glücklich sein werde.

Vielen Dank fürs Lesen dieses Romans, und fühlt euch alle gedrückt💕

Posted Apr 16, 2026, 8:59 PM UTC

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