Warum das klassische Vollzeit-Angestelltenmodell für viele Gutverdiener zunehmend unattraktiv wird
Mir fällt immer stärker auf, dass sich das klassische Vollzeit-Angestelltenmodell für viele Gutverdiener bzw. die obere Mittelschicht in Deutschland zunehmend weniger attraktiv anfühlt.
Die Beitragsbemessungsgrenzen in der Sozialversicherung steigen seit Jahren deutlich, gleichzeitig werden die Eckwerte des Einkommensteuertarifs nicht im gleichen Maß angepasst. Dazu kommen steigende Beitragssätze in KV/PV. Besonders stark betrifft das Arbeitnehmer im Bereich zwischen KV- und RV-Beitragsbemessungsgrenze: Dort steigt die Belastung durch Sozialabgaben spürbar, obwohl die zusätzlichen Leistungsansprüche begrenzt sind.
Und genau hier sehe ich den Unterschied zwischen Steuern und Sozialabgaben:
Steuern lassen sich zumindest teilweise gestalten, Sozialabgaben als Arbeitnehmer dagegen kaum.
Dadurch entsteht für mich zunehmend ein fragwürdiger Grenznutzen zusätzlicher Arbeitszeit:
Mehr Brutto führt gerade ab mittelhohem Einkommensbereich oft zu vergleichsweise wenig zusätzlichem Netto.
Deshalb glaube ich inzwischen, dass für manche Hochqualifizierte ein hybrides Modell rational sein kann:
1. Teilzeit-Angestelltenverhältnis
- qualifizierter Hauptjob mit hohem Stundenlohn
- z. B. 20–30 Stunden/Woche
- weiterhin soziale Absicherung über das Angestelltenverhältnis
- planbares Basiseinkommen
2. Nebentätigkeit als Freiberufler/Selbstständiger
- projektbasierte Arbeit
- flexible Zeiteinteilung
- Möglichkeit, Betriebsausgaben steuerlich geltend zu machen
- potenziell höhere Skalierung des Stunden- oder Projektlohns
Wichtig: Mir ist klar, dass auch Selbstständige natürlich Einkommensteuer zahlen und dass bestimmte Gruppen (z. B. einige Freiberufler) ebenfalls rentenversicherungspflichtig sein können. Mir geht es eher darum, dass zusätzliche Einkünfte außerhalb eines klassischen Angestelltenverhältnisses oft flexibler strukturiert werden können als reiner Arbeitslohn.
Ich kenne inzwischen mehrere Leute im IT-/Ingenieurbereich, die genau so arbeiten:
Reduzierte Stunden im Hauptjob kombiniert mit projektbezogener Nebentätigkeit. Nicht um „Steuern zu vermeiden“, sondern weil das Verhältnis aus zusätzlichem Aufwand, Flexibilität und Nettoertrag subjektiv attraktiver wirkt als klassische Vollzeit plus Überstunden/Karriereleiter.
Natürlich hat das Modell auch Nachteile:
- weniger Arbeitnehmer-Sicherheit
- Akquise-/Ausfallrisiko
- organisatorischer Aufwand
- potenziell geringere gesetzliche Rentenansprüche
- nicht in jedem Beruf realistisch
- Gefahr der Scheinselbstständigkeit, wenn die Nebentätigkeit faktisch nur ein verlängerter Arbeitgeberarm ist
Trotzdem frage ich mich inzwischen, ob Deutschland langfristig ein Anreizproblem bekommt:
Eigentlich bräuchte man mehr hochqualifizierte Vollzeitarbeit. Gleichzeitig steigt bei vielen Gutverdienern das Gefühl, dass zusätzliche Arbeitszeit finanziell immer weniger attraktiv wird.
Und genau das ist ja die Konsequenz der Politik: Es werden immer mehr Anreize geschaffen, die Vollzeittätigkeit zu verlassen.
Posted May 12, 2026, 2:38 PM UTC