An alle, die es immer noch nicht verstanden haben: Uns erwarten gigantische Umweltkatastrophen, denn der Kapitalismus zerstört jetzt gerade unsere Welt!

Umweltschutz

In diesem Text werde ich zuerst aufzuzeigen, dass wir auf gewaltige Katastrophen zusteuern, und in einem zweiten Abschnitt argumentiere ich, dass der Kapitalismus eine zentrale Verantwortung dafür trägt. Vieles von dem ließe sich noch viel weiter vertiefen aber der Text ist schon lang genug. Eine Zusammenfassung findet sich ganz unten. Ich hoffe auf eine konstruktive Diskussion. (Btw: Das hier ist kein KI-Slop. Ich habe viele Stunden daran geschrieben.)

Die Polykrise

Wir leben in einer Polykrise in Bezug auf die Grenzen des Wachstums. Es gibt natürliche planetare Grenzen zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen und wir überschreiten sie systematisch. Die Klimakatastrophe, das sechste Artensterben, die bis zum letzten Winkel der Welt reichende Umweltverschmutzung, der Raubbau aller greifbaren Ressourcen und die vielen davon ausgelösten katastrophalen Folgen bedrohen eine sichere Zukunft für unsere Zivilisation. Diese Probleme sind auch schon lange bekannt. Es war bereits 1992 so dringend, dass 1700 Wissenschaftler, darunter eine Mehrheit der lebenden naturwissenschaftlichen Nobelpreisträger, eine direkte Warnung an die Menschheit unterzeichneten. „Wenn wir nichts dagegen unternehmen, gefährden viele unserer derzeitigen Praktiken ernsthaft die Zukunft, die wir uns für die menschliche Gesellschaft sowie für die Pflanzen- und Tierwelt wünschen, und könnten die lebende Welt derart verändern, dass sie nicht mehr in der Lage sein wird, Leben in der uns bekannten Form zu erhalten“ (Übersetzung von mir).
2017 wurde sie durch eine zweite Warnung von 15.000 Wissenschaftlern erneuert. „Um weitreichendes Leid und einen katastrophalen Verlust der Artenvielfalt zu verhindern, muss die Menschheit eine ökologisch nachhaltigere Alternative zum „Business as usual“ verfolgen. Diese Forderung wurde bereits vor 25 Jahren von den weltweit führenden Wissenschaftlern klar formuliert, doch in den meisten Punkten haben wir ihre Warnung nicht beachtet. Bald wird es zu spät sein, von unserem fehlgeschlagenen Kurs abzuweichen, und die Zeit läuft uns davon“ (Übers. v. m.).

2020 folgte eine Warnung von Wissenschaftlern an die Menschheit vor dem Massensterben unserer Insekten. Auch die Vögel sterben in unfassbaren Zahlen. Die durchschnittlichen Populationen unserer Wildtiere haben sich seit 1970 um 73% verringert. Diese Liste an katastrophalen Überschreitungen von Umweltgrenzen ließe sich beliebig fortsetzten. Von der Versauerung und dem Anstieg der Meere, dem Abfackeln unserer Wälder, über den Verlust unserer fruchtbaren Böden bis zur globalen Verschmutzung der Umwelt und auch unserer Körper ((Mikro)Plastik, Ewigkeitschemikalien, Schwermetalle etc.). Dazu kommt die Möglichkeit, dass wir verschiedene Kipppunkte überschreiten, die dafür sorgen, dass sich negative Entwicklungen gegenseitig verstärken und/oder, dass ein funktionierendes System in kurzer Zeit kollabiert. Weniger Eis an den Polen sorgt für mehr Erhitzung auf dem dunklen Wasser, Regenwälder werden abgeholzt und erleiden Desertifikation und globale Strömungen wie der AMOC können kollabieren.

Die Anzahl und Bedrohlichkeit der Umweltkrisen haben in den letzten Jahren noch einmal stark zugenommen (Dieser Vortrag ist absolut empfehlenswert für einen Überblick der neusten Messungen der Wissenschaft!). Es hat keine signifikante und tiefgreifende Umkehrbewegung unserer Gesellschaften stattgefunden. Im Gegenteil, 2025 war wieder das Jahr mit den höchsten CO2 Emissionen jemals. Auch hat die Geschwindigkeit der Erhitzung massiv zugenommen. Die Geschwindigkeit der Erhitzung hat sich in den letzten Jahren sehr stark erhöht. Von 0.19 Grad pro Dekade auf mindestens 0.31. Forster und Rahmstorf sprechen in „Global Warming Has Accelerated Significantly“ von mehr als 0.35 Grad. Hansen und Simons von mehr als 0.4. Ein neues Preprint spricht von einer zu erwartenden „zusätzlichen Erwärmung von 0,5–1,0 °C“ innerhalb des nächsten Jahrzehnts. In einem gemeinsamen Aufruf der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft haben auch diese Institute eine Warnung an unsere Gesellschaften ausgesprochen. Ihren Berechnungen nach liegt es innerhalb der Prognosen, dass „bereits bis 2050 […] das Risiko einer Erwärmung um 3 Grad“ besteht (Bitte schaut euch dazu die Grafik auf Seite 4 an).

Stefan Rahmstorf, der Leiter der Abteilung für Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, schrieb folgendes über eine mögliche Welt bei 3 Grad (S.29 f.):

„Niemand kann genau sagen, wie diese Welt aussehen würde – zu weit wäre sie außerhalb der gesamten Erfahrung der Menschheitsgeschichte. Doch ziemlich sicher wäre diese Erde voller Schrecken für die Menschen, die sie erleben müssten. Wetterchaos mit tödlichen Hitzewellen, verheerenden Monsterstürmen und anhaltenden verbreiteten Dürren, die weltweite Hungerkrisen auslösen könnten. Steigende Meeresspiegel, die unsere Küsten verwüsten. Umkippende Ökosysteme, verheerendes Artensterben, brennende und verdorrende Wälder, versauerte Ozeane. Failed States, riesige Menschenzahlen auf der Flucht. Das klingt finster und dystopisch und es fällt mir schwer, das zu schreiben, während ich an meine Kinder denke. Aber es ist wahrscheinlich. Das meiste wurde schon lange vorhergesagt und ist in für die Betroffenen durchaus nicht harmlosen Anfängen längst zu beobachten. Man muss nur nüchtern der Tatsache ins Auge blicken, dass die geschilderten Verhältnisse in einer 3-Grad-Welt höchstwahrscheinlich nicht » nur « drei Mal schlimmer als in einer 1-Grad- Welt sein werden, wofür die nicht linearen Effekte und die Kipppunkte sorgen werden. Ich bin nicht sicher, ob das halbwegs zivilisierte Zusammenleben der Menschen, wie wir es kennen, unter diesen Bedingungen noch Bestand haben wird. Ich persönlich halte eine 3-Grad-Welt für eine existenzielle Gefahr für die menschliche Zivilisation.“

Unsere Zivilisation hält sich gerade eine Waffe an den Kopf und spielt russisch Roulette. Niemand weiß genau wie viele Kugeln darin sind aber meiner Meinung nach vermittelt uns die Wissenschaft, dass dort einige Projektile drin sind, die das Potenzial haben, dieses Jahrhundert zum schlimmsten der Menschheitsgeschichte zu machen. Es sollte kein Handlungsprinzip geben, welches höher steht, als die Vermeidung dieser möglichen Zukünfte aber in der Realität erleben wir ganz andere Handlungsprinzipen.

Das Kapitalozän

Unser Zeitalter ist nicht das Anthropozän, denn es ist nicht die "Natur des Menschen", dass wir in die Katastrophe schlittern. Menschen sind Produkte ihrer Umwelt. Menschen neigen nicht notwendigerweise zu Gier und Ausbeutung. Es wird ihnen durch die gesellschaftlichen Systeme anerzogen und kein Mensch muss deterministisch ein Arschloch werden. Dies sei hier gesetzt. Es bräuchte eigentlich einen eigenen Text aus der Anthropologie und den Erziehungswissenschaften um das weiter zu verargumentieren.
Doch selbst wenn dem so wäre, was nicht der Fall ist, dass Menschen von Natur aus egoistische und zerstörerische Monster sind, dann scheint ein Arbeitssystem, dass schädliches Verhalten gegenüber anderen Menschen und der Natur belohnt, nicht sonderlich nützlich. Oder etwa nicht? Aber genau das tut der Kapitalismus.

Unsere Welt wird bewegt durch Arbeit. Das ist die gesellschaftliche Verstoffwechslung von natürlichen Dingen. Unsere Auswirkungen auf die Umwelt sind somit nur zu verstehen, wenn wir die bestimmenden Prinzipien und Ziele der Arbeitsorganisation auf unserem Planeten betrachten. Dies ist der Kapitalismus. Es ist die auf Warenproduktion, Marktwirtschaft, Investition von Kapital, Lohnarbeit und Profit beruhende Produktionsweise. Ziel der Produktion ist die Erzeugung und Abschöpfung von Mehrwert und der daraus entstehenden Konzentration von Geld. Dem ist alles untergeordnet.
Auch die Befriedigung der Grundbedürfnisse eines jeden Menschen, wie Wasser, Essen, einen sicheren und behaglichen Unterschlupf, Kleidung etc. sind an Kapitalsysteme angeschlossen und damit dem Geld untergeordnet. Außerdem brauchen Menschen perspektivische Hoffnung in die Zukunft, um für sich und die nächsten Generationen, etwas aufzubauen. Ich zweifle an, dass unsere Gesellschaft und Organisation von Arbeit tatsächlich versucht diese Grundbedürfnisse zu erfüllen.

Die externalen und langfristigen Kosten von Umweltzerstörung werden im Kapitalismus ausgelagert. Wir verwandeln alle Wälder in Baumplantagen und Felder, weil es Geld bringt. Wir halten und töten eine unfassbare Zahl an Tieren unter widerlichsten Bedingungen und füttern sie mit Kalorien die viel nützlicher in unseren Bäuchen wären, nur um Absatzmärkte zu bedienen. Wir machen Lebensmittel zu einer Ware und vollziehen eine Ausrottung von Leben, weil unfassbar giftige Pestizide unsere Erträge kurzfristig erhöhen. Geplante Obsoleszenz ist unsere Maxime und ein weiterer Antrieb unserer hemmungslosen Überproduktion. Der Kapitalismus ist schnell, aber nicht effizient. Er verschleißt all unsere Ressourcen so schnell er nur kann, weil es Rendite bringt. Fantastisch für stumpfes Wachstum, aber es gibt kein unendliches Wachstum in einem endlichen System. Wenn wir die sicheren Grenzen des Planeten weit genug überschreiten, dann wird spätestens der Kollaps der natürlichen Systeme, dem Wachstum ein Ende bereiten.

Sicherlich ist auch in anderen Wirtschaftsmodellen die Möglichkeit für exzessive Umweltzerstörung gegeben, aber die Prinzipien der Kapitalakkumulation machen die Ausbeutung der Lebensgrundlagen von einer Möglichkeit zu einer Notwendigkeit. Die hemmungslose Überschreitung der natürlichen Grenzen stellt das Potenzial für die jeweils größte Kapitalakkumulation dar.  Es ist dementsprechend absolut keine Überraschung, dass uns dieses System hierhergeführt hat. Warnungen davor gibt es seit etlichen Zeiten. Dieses System ist dementsprechend auch völlig ungeeignet, uns aus unseren Umweltkatastrophen herauszuholen.

Alle Versuche, um tatsächliche und wirksame Einschnitte in unseren kollektiven Fußabdruck durchzuführen, sind immer mit unserer Art zu arbeiten und Ressourcen verbunden. Wenn also ein Akteur an dieser Stelle eingreifen will, wird er automatisch auch Eingriffe in den Markt durchführen. Kein Kapitalist hat Interesse daran, dass er eingeschränkt wird und sie nutzten ihre Macht, um ihre Interessen zu wahren. Das Kapital wird immer gegen Klimaschutzmaßnahmen kämpfen, solange es über die Herrschaftsmittel verfügt, diese Interessen durchzusetzen. Die Diskussionen, um tiefgreifende Marktbeschränkungen zur Verringerung der CO2-Emissionen gibt es seit einem halben Jahrhundert und bis auf ein paar homöopathische Eingriffe gab es keine ernstzunehmenden Versuche unsere Richtung, in die wir uns bewegen, zu ändern. Um dies besser zu verstehen, gönnt euch dafür „Die Machiavellis der Wissenschaft“ von Naomi Oreskes. Beispielsweise ist das Klimaabkommen von Paris als völliges Scheitern einzuordnen. Wir leben jetzt in einer Welt über 1,5 Grad. 

Die Notwendigkeiten des Wachstums und der Kapitalanlage sind erkennbar stärker als die Notwendigkeit die zukünftigen Lebensgrundlagen der Menschheit zu erhalten. Dies lässt sich durch folgende Argumente begründen:

  • Damit wir beim Klima noch irgendeine Chance haben wollen, müssen wir in sehr kurzer Zeit die Gesamtemissionen extrem stark hinunterfahren. Nun wird immer darauf verwiesen, dass wir immer effizienter werden und immer mehr Erneuerbare Energien aufbauen. Doch daraus folgt nicht zwingend, dass die Umweltzerstörung und Emissionen sinken, sondern dass die Gesamtwirtschaft weiter ansteigen kann. Klimaschutz wird nur in dem Maße betrieben, wie es sich lohnt. Erneuerbare Energien ersetzten nicht die Fossilen Energien, sondern sie laufen parallel weiter. Weniger CO2 Verbrauch pro Kilowattstunde führt kaum zu einer Reduktion der Emissionen, sondern vor allem zu einer Vergrößerung der Produktion (Künstliche Intelligenz, Krypto etc.). Effizienz und Skalierung verringert den Ausstoß pro Produkt. Die größte Kapitalakkumulation folgt nun nicht aus der Beibehaltung der Produktion bei geringerer Emission, sondern aus der Steigerung der Produktion und damit des Verbrauchs. Wer das nicht tut, wird eher durch die Konkurrenz geschluckt.
  • Es gibt auch noch jetzt noch massive Investitionen in zukünftige CO2 Emissionen. Auch die Stilllegung von bereits stehender Infrastruktur ist in jedem Fall ein Verlustgeschäft für die jeweilige Firma und den jeweiligen nationalen Standort. Das Prinzip, dass es kurzfristig leichter ist, bestehende Infrastruktur möglichst lange laufen zu lassen, als neu zu bauen, ist natürlich in jedem Wirtschaftssystem vorzufinden aber die Diskussion über das Ersetzen alter Infrastruktur wäre völlig anders, wenn es auch andere Ziele als Kapitalakkumulation und Standortinteresse gäbe.
  • In keiner Industrie ist der Umbau in Richtung Klima Neutralität leichter als im Energiebereich. Doch es gibt viele weitere entscheidende Industrien, welche es noch viel schwieriger haben, sich umzustellen. Erneuerbare Energien allein werden uns noch nicht einmal nahe an Net-Zero bringen. Für die allermeisten Branchen bedeutet Klimaschutz, dass man teurere Alternativmethoden umsetzen muss, deren Umsetzung ausschließlich profitabel für das Klima sind, aber nicht profitabel für die Branchen. Was passiert in der Baubranche, wenn gesagt wird, dass man viel weniger Beton benutzten soll, damit die Emissionen sinken? Und in vielen Bereichen gibt noch nicht einmal teurere Alternativen. Wie soll Massentierhaltung klimaneutral funktionieren? Elektrische Kühe?
  • Ja, es wird Klimaschutz betrieben und es gibt positive Entwicklungen. Doch sie geschehen vor allem dort, wo es am leichtesten ist und es sich lohnt. Doch die nötige Geschwindigkeit und tatsächliche Klimaneutralität kann nicht ohne signifikante Einbußen an Wachstumsmöglichkeiten und Kapital erreicht werden.
  • Aus diesen Punkten ziehen ich, dass es sich bei kapitalistischer Klimaschutzpolitik nicht um ein Wohlfahrtsprogramm für den Planeten handelt. „Grünes Wachstum“ ist ein infrastrukturelles Umbauprogramm, dass den Regeln der kapitalistischen Staatsräson folgen muss. Wenn die Kosten aber zu hoch werden, muss der Klimaschutz hinter die Kapitalinteressen zurücktreten, um den Standort zu schützen.

Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, doch meiner Ansicht nach, ist es unfassbar unwahrscheinlich, dass die Weiterführung des Kapitalismus unsere Welt in eine Zukunft führen wird, die die von ihm hervorgerufenen Katastrophen aufhalten wird. Ich bin davon überzeugt, dass man in Zukunft auf unsere Zeit mit größter Verachtung zurückblicken wird. Wir brachten dauerhafte Klimaveränderungen, ewige Verschmutzung und das Auslöschen unzähliger einzigartiger Lebensformen. Unser Einfluss auf die zukünftige Welt ist größer, als sie es jemals war und man wird uns dafür hassen, wie wir diese Möglichkeiten genutzt haben.

Tldr.: Unsere Zivilisation fährt zurzeit ungebremst auf eine Wand zu. Unsere Umweltkatastrophen sind das notwendige Resultat des Kapitalismus und dieses System wird mit seiner Zerstörung auch nicht aufhören. Es ist das zerstörerische Gesellschaftssystem der gesamten Menschheitsgeschichte, denn es liegt in seiner Struktur, in seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, alle natürlichen Grenzen zum Zweck der Kapitalakkumulation zu überschreiten. Jede Hoffnung auf eine gute Zukunft wird gerade in diesem Augenblick durch dieses System erstickt und nur eine Befreiung von dieser Gewalt kann uns einen Schimmer an Hoffnung erhalten.

Damit es uns gelingen kann eine furchtbare Zukunft zu verhindern, müssen wir alles daransetzten, unsere Gesellschaft über diese Zukunft und ihre Ursachen aufzuklären! Denn wenn man feststellt, dass auf unserem Planeten, durch unsere Arbeitsorganisation, systematisch gegen das Interesse beinahe aller Menschen gehandelt wird, dann sollte jede vernünftige Person dieses System ablehnen.

Posted Jun 5, 2026, 1:33 PM UTC

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