Widersetzen muss sich fragen, ob es ein neues Fridays for Future, das Antifaschismus cosplayed - oder wirkungsvoll sein will. Bericht und Einschätzung aus Erfurt
Es war immer klar, dass das passieren kann. Ist frustrierend, aber passiert eben. Man kann nicht immer gewinnen. Um was es jetzt geht ist, wie wir Konstruktiv mit dieser Niederlage umgehen.
Ich war gestern in Erfurt und beim gelben Finger dabei. Wir sind zunächst bei Kornhochheim auf die A71 und haben die Zufahrt von Süden blockiert. Als sich abzeichnete, dass die Faschos vor lauter Angst schon um 2 Uhr morgens angereist sind, das ursprüngliche Ziel der Blockade also nicht mehr zu erreichen sein wird, sind wir Richtung Erfurt gegangen. Es war immer klar, dass das passieren kann. Ist frustrierend, aber passiert eben. Man kann nicht immer gewinnen. Um was es jetzt geht ist, wie wir Konstruktiv mit dieser Niederlage umgehen.
Alles was ab der Beendigung der Blockade auf strategischer Ebene passiert ist, habe ich als demütigend empfunden. Ich finde zwar, dass schon davor Fehler passiert sind (Warum haben wir uns zum Beispiel erst so spät nach Norden bewegt?), aber alles danach muss diskutiert werden. Das war einfach nicht gut.
Es wurde in Deli-Plena abgesprochen, dass wir uns jetzt Richtung angemeldeter Kundgebungen bewegen und "mal schauen, ob noch was geht". So wurde das zur Debatte gestellt und ich bin sehr davon ausgegangen, dass damit natürlich gemeint ist, zu versuchen, zur Halle durchzubrechen, ohne das zwei Stunden vorher öffentlich zu machen. Ich habe das sogar als klug empfunden, Teile der strategischen Planung nicht öffentlich zu machen.
Wir sind dann erst mal die Autobahn nach Norden gelaufen. Als wir uns mit dem grünen Finger zusammengeschlossen haben (Etwa Höhe Parkplatz Erfurter Becken), waren wir so ca. 5000 Menschen. Und zwar nicht irgendwelche "Sonntagsdemonstrierenden" sondern Menschen, die wussten um was es geht, die Aktions- und Legaltrainings bekommen haben, die alle bereit waren, weiter zu gehen als sonst. Wir sind dann von der Autobahn weg Richtung Osten über die Felder Richtung Erfurt. Aber trotz dieser großen Zahl an motivierten Antifaschist:innen war es für die Cops ausreichend, sich mit 15 Bullen in den Weg zu stellen, um uns zum Abbiegen und zu Umwegen zu bewegen und von der Messe fernzuhalten.
Besonders absurd wird das, wenn man sich die Geographie an der Stelle anschaut. In den meisten Fällen hätte man riesige Flächen gehabt um an den Bullen einfach vorbeizulaufen. Man hätte ihnen auch sagen können, dass wir jetzt hier durchlaufen, oder sie den Bauern erklären müssen, warum ihre Felder weg sind. Und unser Demozug war eh schon einen Kilometer lang. Klar hätten die dann Verstärkung gerufen. Aber das hätte gedauert und an dieser Stelle, mit all dem Platz, hätten sie uns auch mit 1000 Mann unmöglich alle aufhalten können. Die legalen Risiken waren günstig und Wasserwerfer sind auf Feldern fast wirkungslos. Vermutlich hätten sie einen sehr personalaufwändigen Ring um die Messe ziehen müssen, der an keiner Stelle eine Übermacht hätte erzeugen können, wie das evtl in der Stadt an Engstellen gelingt. In solchen Fällen muss die Polizei vorsichtiger agieren, weil die Situation sonst kippt und Verstärkung weit entfernt ist oder Lücken an anderer Stelle reißen würde. Es war ein sehr günstiges Szenario. Wenn dann die anderen Finger von den anderen Seiten ebenfalls Druck gemacht hätten, hätten wir es wirklich schaffen können. Und selbst wenn nicht, wäre immerhin mal etwas passiert, was sich nicht nach totaler Belanglosigkeit anfühlt (Insgesamt waren wir mindestens 15.000, die zu mehr bereit gewesen wären).
Aber wir sind tatsächlich einfach eine von den Bullen tolerierte weite Kurve zur angemeldeten Kundgebung über die Felder gelaufen. So haben im wesentlichen ein paar Vögel auf dem Feld etwas von unserer Anwesenheit mitbekommen. Die Polizei hat uns ganz einfach ausgelacht. Ich glaube nicht mal die sind davon ausgegangen, dass das heute so ein Spaziergang (im buchstäblichsten Sinne des Wortes) wird.
Insgesamt bleibt der Eindruck einer sehr zaghaften, ängstlichen und übervorsichtigen Planung, die wirkungslos bleiben musste, wenn die Faschos nur minimale Anpassungen machen. Dadurch wurde neben der Blockade auch andere Ziele verfehlt:
- Dadurch, dass unser Finger trotz seiner Stärke praktisch keine Polizeiressourcen binden konnte. Haben andere Finger mehr davon abbekommen. Unsere Mutlosigkeit mussten andere ausbaden.
- Gestern wurde niemand der mitgekommen ist radikalisiert oder von der Notwendigkeit von Militanz und Antifaschismus überzeugt. Es war auch für vermutlich niemanden ein Schlüsselerlebnis für die Zukunft. Es war ein netter Spaziergang durch die, zugegeben, schöne Thüringer Landschaft und mehr nicht. Ziemlich langweilig aber gleichzeitig natürlich sehr anstrengend. Für viele bestimmt ein Tag zum Vergessen. Ich würde mich nicht wundern, wenn es uns in Zukunft schwerer fällt, Leute vom Mitgehen zu überzeugen.
- Die Bullen haben Respekt vor uns verloren und das werden Antifaschist:innen an anderen Stellen im Land und bei zukünftigen Widersetzen Aktionen zu spüren bekommen. Wir sind so harmlos, dass die Polizei ohne Helme mitten in unseren Demozug hineinläuft. Ich bin mir sicher, sie hätten da einfach Leute rausziehen können, ohne dass ihnen was passiert wäre. Wenn wir so auftreten, gefährden wir all unsere Genoss:innen, die Repressionen ausgesetzt sind. Es ermutigt die Cops auch, härter agieren zu können wenn sie mal gerade wieder Bock haben ein paar Linke anzugreifen, da sie nichts zu befürchten haben. Und es ermöglicht ihnen eine entspanntere Planung.
Neben der strategischen Planung ist aus meiner Sicht auch die Informationsvermittlung nicht ganz optimal gelaufen. Angefangen hat es damit, dass wir zwar Aktionskarten bekommen haben, uns aber ein falscher Standort genannt wurde (Gesagt wurde, wir sind auf Höhe von Schmira, aber wir waren 5 Kilometer südlich, was für die eigenen strategischen Überlegungen und Entscheidungen natürlich sehr schlecht ist). Wir hatten keine Ahnung von den anderen Fingern. Nicht welche es gibt, was sie machen, was da passiert. Es war auch das letzte mal, dass ich ohne Smartphone zu so einer Aktion gehe. Lieber gehe ich das Risiko ein, als so völlig planlos zu sein. Ein Learning daraus sollte auch auf jeden Fall die Anschaffung von Aktionshandys sein. Im Optimalfall hat jede Bezugsgruppe mindestens eins mit dem man sich mit anderen Fingern und Bezugsgruppen absprechen kann. Auf jeden Fall müssen alle konstant besser informiert werden.
Ich möchte aber noch ein paar Dinge loben. Die Anreise und Autobahnbesetzung war (zumindest bei uns) bis auf ein paar Kleinigkeiten hervorragend organisiert und geplant. Man merkt, wie viel Überlegungen da hineingeflossen sind und es hat fast alles perfekt geklappt. Auch die Organisation der Küfa war beeindruckend und sicher sehr planungs- und personalintensiv. Danke an alle, die da mitgemacht haben. Das war für die Moral das einzige wirkliche Highlight. Allerdings ist Küfa für nur ein "Addon", denn die Leute haben ja in der Regel genug Essen dabei. Wenn der Rest nicht klappt, kann die Küfa die Stimmung auch nicht mehr wirklich positiv beeinflussen, egal wie lecker sie ist.
Für mich und viele andere die in den letzten Wochen viel Energie da rein gesteckt haben, war es ein sehr frustrierendes Erlebnis. Der Nagel in den Sarg war dann, als ich daheim war zu lesen, dass Luisa Neubauer sich danach quasi im Namen von Widersetzen zu Wort gemeldet und die FDGO beschworen hat, die man heute verteidigt hätte. Was zum Fick...
Widersetzen muss sich fragen, ob wir einfach eine nette Bewegung sein wollen, die konfliktscheu ist und um jeden Preis verhindern will, dass irgendjemand eine negative Erfahrung hat. Aber negative Erfahrungen gehören eben leider eben dazu, wenn man sich mit Faschismus und dem Staat anlegt, der ihn schützt. Jeder und jede erfahrene Antifaschist:in hat schon Scheiße erlebt. Es gibt einen Grund, warum wir ACAB an Wände schreiben. Man kann und sollte das auch nicht verhindern. Natürlich meine ich damit nicht, wahnwitzige Dinge zu versuchen. Aber das wäre gestern nicht der Fall gewesen. Das Problem mit dieser Passivität ist, dass Fridays for Future und Leute wie Neubauer damit völlig gescheitert sind. Es bringt einfach nichts, die Mächtigen zu bitten, uns vor den Faschisten zu schützen. Wir müssen es selbst in die Hand nehmen. Ansonsten wird widersetzen, genau wie FFF, wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.
Posted Jul 5, 2026, 12:27 PM UTC