Der Parkplatz
Die Nacht auf dem abgelegenen Waldparkplatz war pechschwarz. Nur das matte, gelbliche Licht der fernen Straßenlaternen schnitt schwach durch den dichten Nebel. Im Innenraum seines alten Wagens juckte Bernd das alles nicht. Er hatte die Anlage aufgedreht. *Thunderstruck* von AC/DC dröhnte aus den Boxen, das aggressive Gitarrenriff vibrierte im Lenkrad und vertrieb die bleierne Müdigkeit, die nach der langen Spätschicht auf seinen Gliedern lag. Er trommelte im Takt auf das Armaturenbrett.
Plötzlich war da ein anderes Geräusch. Ein hartes, metallisches Scharren. Direkt an der Beifahrertür.
Bernd zuckte zusammen. Er drehte den Lautstärkeregler hastig auf null. Schlagartig drückte die Stille des Waldes gegen die Autoscheiben. Er hielt den Atem an, starrte nach rechts in die Dunkelheit. Nichts. Nur sein eigener, flacher Atem, der an der kalten Scheibe kondensierte. Kopfschüttelnd atmete er aus. „Reine Nervensache“, murmelte er und schaltete das Radio wieder ein.
Doch statt Brian Johnsons Stimme schlug ihm ein ohrenbetäubendes, bösartiges Rauschen entgegen. Es war kein normales Frequenzrauschen. Es klang verzerrt, mechanisch und schwoll innerhalb von Sekunden so brutal an, dass Bernd sich schmerzerfüllt die Ohren zuhalten musste. Wütend und von akutem Frust gepackt, packte er das billige Plastikgehäuse des Radios, stemmte die Füße gegen den Boden und riss mit einem heftigen Ruck daran.
Mit einem hässlichen Splittern brach die Halterung. Kabel rissen ab, Funken sprühten kurz im dunklen Fußraum. Das Radio lag komplett herausgerissen auf dem Schalthebel. Das ohrenbetäubende Rauschen verstummte sofort. Bernd atmete schwer, sein Herz hämmerte gegen die Rippen.
Dann vibrierte die Luft im Wagen.
Das Radio war tot, die Kabel hingen nackt heraus. Und trotzdem drang eine Stimme daraus hervor. Sie war nicht laut, aber unglaublich tief, voll und getragen von einer unheimlichen, epischen Ruhe – wie der Sprecher eines Hörbuchs, der eine uralte Tragödie einleitete.
*„Bernd spürte, wie die Kälte in seine Glieder kroch“, dröhnte die Stimme mit perfekter, erzählerischer Betonung. „Er starrte auf das leblose Plastik in seinen Händen, unfähig zu begreifen, dass die Isolation des Parkplatzes längst zu seiner Falle geworden war. Seine Finger zitterten, als ihm klar wurde, dass er nicht mehr allein war.“*
Bernd erstarrte. Jedes einzelne Haar auf seinen Armen stellte sich auf. Die Stimme sprach über ihn. In Echtzeit.
„Was... was ist das für ein Scheiß?“, flüsterte er, während ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat.
*„Ein hilfloses Fragen entglitt seinen Lippen“, fuhr der Erzähler unbeirrt fort, die Stimme sanft, aber von absolut unerbittlicher Präsenz. „Doch es gab keine Antwort. Nur die nackte Panik, die ihn dazu trieb, nach dem Türgriff zu greifen. Er glaubte, die Dunkelheit da draußen würde ihm Schutz bieten. Ein fataler Irrtum.“*
Die nackte Todesangst übernahm die Kontrolle. Bernd überlegte nicht mehr. Er riss die Fahrertür auf und stürzte hinaus auf den nassen Asphalt. Er rannte los, weg vom Auto, blind in die Finsternis des Parkplatzes hinein.
Doch er konnte die Stimme nicht abhängen. Sie kam nicht mehr aus dem Auto. Sie schien aus den Baumkronen zu stürzen, aus dem Nebel zu kriechen, direkt in seinem eigenen Schädel zu dröhnen. Sie hielt perfekt Schritt mit seinen hastigen Schritten.
> *„Er lief, wie ein Tier im Käfig läuft“, kommentierte die tiefe Stimme gelassen das Geschehen. „Der Asphalt war kalt unter seinen Schuhen. Er blickte nicht zurück, weil er fürchtete, das zu sehen, was bereits direkt hinter ihm war.“*
„Hör auf! Geh weg!“, schrie Bernd in die Nacht, während seine Lunge brannte.
Plötzlich schlang sich etwas Unbemerktes um seine Knöchel. Der Griff war hart wie ein stählerner Schraubstock. Bernd schlug der Länge nach auf den rauen Boden. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen. Bevor er begreifen konnte, was geschah, wurde er rückwärts gezerrt. Seine Fingernägel brachen und bluteten, als er verzweifelt versuchte, Halt auf dem Asphalt zu finden, doch die unsichtbare Kraft war absolut überlegen.
Zentimeter für Zentimeter wurde er über den Parkplatz geschleift – exakt zurück zu seinem Wagen.
> *„Verzweiflung leitete seine letzten Bewegungen“, erzählte die Stimme weiter, voller melodischer Ruhe, während Bernd wimmernd mit dem Rücken gegen die noch immer offenstehende Fahrertür prallte. „Dorthin zurückgebracht, wo alles begonnen hatte. Die Bühne war bereitet. Für Bernd sollte sich der Vorhang nun schließen.“*
Das schwache Licht der Innenraumbeleuchtung des Autos flackerte. Bernd lag auf dem Rücken, unfähig sich zu bewegen, den Blick starr nach oben gerichtet. Aus der absoluten Schwärze über ihm schob sich etwas in den matten Lichtkegel.
Es gab kein Gesicht. Keine Gestalt. Nur die vagen, verzerrten Umrisse von riesigen, unnatürlich scharfen Klauen, die im fahlen Licht schimmerten. Sie senkten sich schwer und unaufhaltsam auf seinen Bauch.
> *„Er spürte den ersten, kalten Druck auf seiner Haut“, flüsterte der Erzähler mit eisiger Eleganz direkt in Bernds Ohr. „Ein letzter, tiefer Schnitt. Das Fleisch trennte sich mühelos, und Bernd sah flüchtig mit an, wie seine eigenen Gedärme auf den kalten Boden glitten. Es war das Letzte, was er in dieser Welt sah. Und so endete die Geschichte von Bernd.“*
Ein reißender, unvorstellbarer Schmerz erfüllte die Nacht, gefolgt von einem gurgelnden Schrei, der im dichten Nebel erstickte. Dann war es still.
Als am nächsten Morgen ein Lieferwagen auf den Parkplatz fuhr, bot sich dem Fahrer ein Bild des Grauens.
Bernds Wagen stand mitten auf dem Platz, alle Türen weit aufgerissen, als wäre das Auto ein seziertes Objekt. Auf dem Fahrersitz lag das herausgerissene Radio. Direkt davor, auf dem nassen Asphalt, lag Bernd. Er war am Bauch komplett aufgeschlitzt, die Gedärme lagen weit verstreut im Schlamm. Überall war Blut.
Und aus den kaputten Lautsprechern des Autos, die eigentlich gar keinen Strom mehr haben dürften
Und so endete die Geschichte für Bernd sagte der Erzähler ehe der Strom weg war
Posted Jul 11, 2026, 2:31 PM UTC