41, frisch diagnostiziert, und plötzlich ergibt der ganze Scherbenhaufen Sinn
Ich hab hier vor kurzem was über Schulden und meinen Umgang mit Geld geschrieben. Das Feedback war echt stark, auch von Leuten, die es komplett anders erleben als ich. Also heute nochmal eine Story aus meinem Leben. 41, frisch diagnostiziert, und seit der Diagnose sortiere ich meine halbe Biografie neu.
Ich denke gerade viel an meine Schulzeit. Hauptschulabschluss, danach wollte ich die mittlere Reife nachholen. Das ist komplett gegen die Wand gefahren. Neue Schule, lauter fremde Leute, ich war unruhig, konnte mich nicht fokussieren und stand permanent unter Strom. Also hab ich geschwänzt. Lieber zuhause gezockt oder Freunde in deren Schulen besucht. Ja, wild. Am Ende kein Abschluss und zwei Jahre verschenkt.
Dann Ausbildung zum Industriemechaniker. Wollte ich eigentlich gar nicht, ich wollte Webdesigner werden. Aber damals gab es nicht an jeder Ecke eine Agentur. Also Industriemechaniker. Und ehrlich, das war erstmal cool. Ich wurde gefordert, gefördert, war motiviert und bin drangeblieben. Bis zum dritten Lehrjahr. Neuer Produktionsleiter, und ab da durfte ich nicht mehr so arbeiten wie die zwei Jahre davor. Die Ausbildung hab ich gerade so beendet, übernommen wurde ich nicht. Rückblickend war das der erste Moment, in dem ich gemerkt hab, dass ich ein massives Problem mit Kritik habe. Kennt ihr vielleicht. Jede Kritik fühlt sich an wie ein persönlicher Angriff. Ein "leck mich am Arsch" Richtung Chef hat mich dann die Übernahme gekostet. Ausgehalten hätte ich es mit dem aber sowieso nicht.
Später zweite Ausbildung, Fachinformatiker. Nach dem ersten Jahr abgebrochen. Ging einfach nicht. Da kam vermutlich auch zum ersten Mal die Depression dazu, so 2008. Ein Jahr danach der Versuch, das Fachabi nachzuholen und dann doch noch zu studieren. Auch nach einem Jahr Schluss. Jeden Tag anderthalb Stunden vom Dorf nach Stuttgart und dort dann vorne stehen und Präsentationen halten. Der Druck, der Stress, ich war dem nicht gewachsen. Nächster Punkt auf der Scheiterliste.
Dann dachte ich, vielleicht klappt eine Fortbildung über die Fernschule. Grafikdesigner bei der OfG, ein Jahr, von zuhause aus. Klingt nach der perfekten Lösung. Ist es aber nicht, wenn du keine Struktur hast. Ich hab die Aufgaben schlicht nicht rechtzeitig abgeliefert. Immerhin ein Jahr Adobe Abo umsonst. Woohooo.
Zwischen dem ganzen Chaos hab ich immer wieder als Industriemechaniker gearbeitet, über Zeitarbeit. Also Facharbeiter für Hungerlohn unter schlechten Bedingungen. Sechs oder sieben Stellen, alle nach kurzer Zeit wieder aufgelöst. Konflikte, kein Interesse, beschissene Anfahrt, schlechte Bezahlung, keine Motivation. Damals dachte ich noch, ich hab halt einfach den richtigen Job noch nicht gefunden. Ganz ehrlich, Bullshit.
Sprung ins Jahr 2017. Ich wusste da längst, dass mit mir was nicht stimmt. Meine Eltern wussten es, meine Freunde auch, eigentlich mein komplettes Umfeld. Viel Stress, kein Geld, kein Job, keine Hoffnung. Ende 2017 dann wieder ein Job als Industriemechaniker, weil das Arbeitsamt mich nun mal so sah. Anderthalb Monate später die Kündigung. Gleicher Ablauf wie bei wirklich jedem Job und jeder Idee davor. Erst motiviert, dann ein Auslöser, dann raus.
Der einzige Unterschied war, dass ich diesmal zum Arzt bin. Die Diagnose Depression stand schnell, die Psychiaterin hat das bestätigt. Bei einem Psychologen war ich nie. Freie Plätze gab es damals schon kaum, und mit Depression ist die Motivation, da wirklich dranzubleiben, bekanntlich nicht besonders groß. Mit ADHS auch nicht.
Also Antidepressiva und rund zehn Monate Krankschreibung. Ich dachte wirklich, jetzt hab ich es. Ich bin zwar depressiv, ab jetzt geht es irgendwie aufwärts. Danach kamen mehrere Jobs. Anderthalb Jahre Marketing, Kündigung. Neuer Job, anderthalb Jahre Marketing, Aufhebungsvertrag. Knapp zwei Jahre Marketing, Kündigung. Dann die Selbstständigkeit, und da dachte ich, jetzt bin ich endlich angekommen. Nach dreieinhalb Jahren hab ich es beendet. Unzuverlässige Kunden, unrealistische Ansprüche, dazu das Aufkommen von KI. Der Spaß war weg und die Depression direkt wieder da.
Dann die vermeintliche Wende. Neuer Job im Marketing, nach kurzer Zeit die Beförderung zum Marketingleiter. Das ist es, dachte ich. Ich konnte mein System endlich so bauen, wie ich es haben wollte. Lief anfangs richtig gut, bis mein System auf die Pläne und die Erwartungen der Geschäftsführung getroffen ist. Konflikte. Kündigung in der Probezeit. Arbeitslos. Anfang 2026. Zwischen der Kündigung und heute liegt die Diagnose.
Im September fange ich einen neuen Job an, wieder Marketing. Im November werde ich wohl auf Medikamente eingestellt. Ihr glaubt nicht, wie sehr ich mich darauf freue. Eine neue Stelle macht mir immer Spaß, neue Aufgaben, neue Herausforderungen.
Und trotzdem ist da die Angst, dass alles wieder genau so läuft. Medikamente ab November, okay. Aber reicht das? Ich suche schon jetzt nach einer Psychotherapie und hab dabei fast Flashbacks an die Zeit mit der Depressionsdiagnose. Keine freien Plätze. ADHS bei Erwachsenen machen sowieso die wenigsten, und die sind gnadenlos ausgebucht.
Also stehe ich hier. Vorfreude auf den neuen Job und gleichzeitig die Angst, damit nur den nächsten Zyklus zu starten.
Posted Aug 4, 2026, 8:45 AM UTC