Wenn man beim Podcast hören seine internalisierte Scham erkennt..
In einem Podcast Gespräch von DOWNSIZED mit Dr. Robyn Pashby auf der diesjährigen Your Weight Matters-Konferenz geht es um weit mehr als nur um Kilos oder Medikamente. Es geht um die unsichtbaren Lasten, die viele Adipöse oder ehemalige Dicke mit sich herumtragen: eine internalisierte Scham, die sich über Jahre im Denken festgesetzt hat: gefüttert durch Medien, Erziehung, Bewertungen von außen und eigene gewachsene Überzeugungen. Ich habe den Podcast heute in der Mittagspause gehört und fühlte mich auch etwas ertappt...
Pashby, eine Psychologin mit langjähriger Erfahrung in der Adipositas-Medizin, erklärt, dass Adipositas nicht nur eine komplexe, biologisch bedingte Erkrankung ist, sondern dass sich parallel dazu psychische Folgen wie Selbstzweifel, Vermeidungsverhalten oder das Gefühl, „nicht gut genug“ zu sein, mitentwickeln, die Schlimmstenfalls dazu führen, das Menschen sich keine Hilfe holen, denn sie sind ja "selbst Schuld". Diese entstehen durch die ständige Konfrontation mit gesellschaftlichen Vorurteilen, die irgendwann automatisch verinnerlicht werden. Wie sie sagt:
Das Problem ist, dass wir diese Vorurteile oft so tief in uns tragen, dass sie unsere Selbstwahrnehmung prägen. Wir urteilen über uns selbst mit einer Härte, die wir bei anderen nie anwenden würden. Ich stelle das bei mir immer wieder fest: Ich nehme diese Stimme inzwischen als meinen inneren Drillsergeant wahr. Es ist echt so schwer, die eigenen, oft unbewussten Wertungen zu erkennen und zu hinterfragen.
Pashby beschreibt, wie Scham wie ein unsichtbarer Autor unsere Lebensgeschichte schreibt, solange wir ihr nicht aktiv widersprechen:
Sie gibt das Beispiel einer Frau, die jahrzehntelang keine kurzen Ärmel trug, aus Angst vor Blicken oder Kommentaren. Die Lösung? Nicht gleich ein radikaler Schritt wie das Tragen eines Bikinis am Strand, sondern kleine, bewusste Experimente: ein schickes T-Shirt , ein Tanktop hier, eine neue Bewegungserfahrung dort, um die Narrative langsam zu ändern. Dabei muss man das eigene Unbehagen aushalten, denn Heilung ist oft unangenehm, aber das Unbehagen ist notwendig für Wachstum.
Wie sie betont: "Discomfort builds freedom."
Mein eigenes Beispiel: Klassischerweise lege ich in der Bahn oder im Bus immer etwas auf meinen Bauch: eine Handtasche, einen Schal, irgendetwas. Also wenn das nicht Scham ist... Oder dass ich bis vor Kurzem immer „um-zu“-trainiert habe, nicht um der Bewegung willen oder des Spaßes willen, sondern nur, um ein paar Kilo abzutrainieren. Das hat mir den Spaß an der Bewegung komplett vermiest. Pashby spricht genau das an:
Bei mir zeigt sich das gerade darin, dass ich keine Lust mehr habe, auf das Spinning-Rad zu steigen, einfach weil ich es übertrieben habe: 60 Minuten bis an die Erschöpfungsgrenze, da muss doch der Körper abnehmen, oder? Heute gehe ich schwimmen, spazieren, alles deutlich entspannter. Ja, ich mag immer noch Radfahren, aber mein innerer Drillsergeant hat mir das Spinning madig gemacht. Schade, dachte ich beim Hören des Podcasts und fühlte mich gleichzeitig ermutigt, kleine Schritte zu gehen. Ich nehme mir vor, es heute zu probieren: 30 Minuten bei Lieblingsmusik, ohne Härte, einfach nur Radfahren und laut dabei singen... Denn eigentlich mochte ich das früher auch, bevor ich es als Waffe gegen mich selbst eingesetzt habe.
Besonders spannend finde ich ihren Vergleich: Internalisierter Gewichts-Bias ist wie eine zweite, psychische Last, die neben der Adipositas existiert. Selbst wenn das Gewicht sinkt, bleibt die Scham oft bestehen, weil sie nie direkt angegangen wurde. Und ja, ich merke das: Wie Zahlen auf der Waage manchmal immer noch mehr Macht über mein Wohlfühlen hatten, als sie sollten. Ich bin jetzt nicht mehr am Boden zerstört (dafür sind bei mir die Ausschläge nach oben einfach zu regelmäßig), aber ich kenne das Gefühl, dass früher ein Gewicht (gerade wenn ich hart trainiert habe) mir den ganzen Tag vermiesen und mich in Selbstzweifel katapultieren konnte. Wozu die ganze Anstrengung, wenn das alles nichts bringt.. Da steckt ja die verinnerlichte Haltung hinter, dass man sich ja nur anstrengen muss und schon wird das Gewicht weichen. Mit 5 Monaten Mounjaro, einem deutlich entspannteren Lebensstil, lege ich auch diesen inneren Druck langsam mit ab und spüre jeden Tag, das die Spritze eben kein Mittel ist und ich die Hauptarbeit leisten muss. Nein, ich kann das nicht mehr unterschreiben, ich war meinem Körper ausgeliefert und ein paar Milligramm eines Medikamentes bewirken, das das Gewicht geht, und ich lebe entspannter, esse genauso gesund wie vorher, nur weniger, ohne Hunger und ich trauere ein bisschen, dass ich so lange so hart gegen mich selbst war. Am Anfang hätte ich das noch verteidigt, meinen Willen zur Veränderung, heute merke ich da war viel Kampf gegen mich, Kampf gegen diesen dicken Körper, denn ich nicht wollte. Es ist eine verdammte Krankheit, das hat nichts mit Wille oder Disziplin zu tun. Das heißt auch das ich viele meiner verinnerlichten Wertungen neu umdenken muss...
Pashby betont, dass Heilung kein einmaliger Moment ist, sondern ein Prozess aus vielen kleinen Schritten. Sie schlägt vor, solche Momente erst einmal selbst wahrzunehmen, dann einfach Dinge ausprobieren und neu Umdeuten, neue Lernerfahrung und so wieder der Autor der eigenen Geschichte zu werden, statt Scham, inneren Druck oder äußere Erwartungen diese Rolle übernehmen zu lassen:
Merkt ihr auch Dinge, wo ihr noch "altes Denken" habt ? Oder etwas, das sich schon verändert hat?
Posted Aug 10, 2026, 4:22 PM UTC