Tiefe Traurigkeit (TW:SA)

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Vor fünf Tagen hat meine Mutter meinen Schwestern und mir ein sehr schlimmes Erlebnis aus ihrer Kindheit erzählt und ich spüre seit dem eine so tiefe Traurigkeit, die mich nicht mehr loslässt.

TW: Sexualisierte Gewalt

Aus Gründen der Anonymisierung lasse ich ein paar Informationen bewusst vage.
Meine Mutter (Anfang 60) hat uns, ihren Töchtern (alle um die 30 Jahre alt) vor ein paar Tagen erzählt, dass sie als Kind zwischen 10-14 von einem älteren Bruder sexuell missbraucht wurde.

Zum Hintergrund: Meine Mutter ist die jüngste von sehr vielen Geschwistern und ist in recht strengen, gläubigen und etwas ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Aufgrund der Anzahl der Kinder, mussten alle Kinder schon früh sehr viel zuhause beitragen und haben (so meine Analyse) wenig Beachtung ihrer eigenen Bedürfnisse und Grenzen erfahren. Meine Mutter legt bei Erzählungen über ihre Familie immer sehr viel Wert darauf sie auch positiv darzustellen (z.B. Sie haben sehr zusammen gehalten, den Wert von Arbeit früh gelernt, haben Werte vermittelt bekommen etc.). Ich sehe in ihren Erzählungen aber einfach sehr viel Vernachlässigung, fehlenden Raum für individuelle Entfaltung und teilweise sehr ungesunde Verhalten- und Beziehungsmuster.
Meine Mutter hat meinen Vater geheiratet und recht schnell uns Kinder bekommen. Ihre Familienvergangenheit hat sie nicht wirklich aufgearbeitet. Meine Eltern haben als ein strenger autoritärer Vater und eine passive, überforderte Mutter gut zusammengepasst. Wir wurden als Kinder immer wieder mal bei „Ungehorsam“ geohrfeigt oder bekamen den Po versohlen und wurden auch sonst sehr streng und mit vielen Regeln erzogen. Meine Eltern haben in vielen Bereichen auch gut für uns gesorgt. Mein Vater hat sehr gut verdient, meine Mutter hat täglich für uns gekocht und war immer da. Wir haben einerseits sehr gute Bildung genossen und gleichzeitig sehr viel Druck bekommen. Uns wurden christliche, konservative Werte vermittelt und uns wurde beigebracht unter keinen Umständen Sex vor der Ehe zu haben. Mein Vater ist gestorben als ich ein Teenager war. Das hat einerseits etwas Kontrolle zuhause reduziert, aber auch gleichzeitig andere Unsicherheiten geschaffen. Mit 18 bin ich ausgezogen. Ich habe mit Anfang 20 doch im Rahmen einer Beziehung „vorehelichen“ Sex gehabt, was aber mit sehr viel Aggressivität und Gewalt einherging. Ein paar Jahre später habe ich das und auch meine Kindheit in einer Therapie aufgearbeitet.

Nun wieder zu dem was meine Mutter erzählt hat: Unsere Beziehung ist ganz okay bis manchmal gut. Es fällt mir schwer Dinge aus meiner Kindheit zu verzeihen. Ich liege manchmal abends im Bett und muss weinen, weil ich mich frage, wieso man sein eigenes schutzbedürftiges Kind schlägt. Ich weiß aber auch, dass meiner Mutter ihr Verhalten von früher sehr leid tut. Sie hat mittlerweile auch eine Therapie gemacht, in dem sie auch den Missbrauch aufgearbeitet hat.
Als sie uns von dem Missbrauch erzählt hat, ist mein Herz etwas gebrochen. Ich habe sie in den Arm genommen und hatte das Gefühl, ich umarme das zehnjährige Mädchen, welches ich auf Kinderfotos von ihr gesehen habe. Eine Wut und ein Ekel sind in mir aufgestiegen und so viele Gefühle, die ich noch nie hatte. Ich bin so wütend und traurig darüber, was meiner Mutter passiert ist, ich würde alles dafür geben, dass ich sie davor hätte bewahren können und es bricht mir regelrecht das Herz, wenn ich daran denke, dass sie jahrelang damit als kleines Mädchen alleine war und niemanden hatte, dem oder der sie sich anvertrauen konnte. Ich bin froh, dass sie es meinem Vater erzählen konnte und sie mit ihm sehr positive Erfahrungen im sexuellen Bereich sammeln konnte (ihre Erzählung). Gleichzeitig kann ich es einfach nicht akzeptieren, dass ihr das angetan wurde. Sie war doch einfach nur ein kleines Mädchen. Ich kann mir gar nicht ausmalen, was sowas mit einem jungen kleinen Menschen macht. Sie war 10 :/

Seit ich das weiß sind fünf Tage vergangen. Ich weine mich regelmäßig in den Schlaf. Ich habe mich auch mal einen Tag bei der Arbeit krank gemeldet. Ich mache jeden Tag Sport, um mal etwas anderes als diese tiefe Traurigkeit zu spüren. Ich esse ganz viel Schokolade.
Ich spüre in mir, wenn ich laufe, dass ich ganz langsam bin. Ich kann nicht mehr so lachen oder mich freuen wie sonst und alles fühlt sich ein bisschen schwer, langsam und traurig an. Ich fühle mich die ganze Zeit müde, aber auch nicht müde genug, dass ich schlafen möchte.
Ich habe genug Menschen in meinem Leben mit denen ich darüber sprechen kann und meinem Partner habe ich auch davon erzählt und ich habe meinen Raum für meine Gefühle… Aber irgendwie fühle ich mich auch so verloren in diesen Gefühlen. Ich will das eigentlich gar keiner Freundin erzählen, um sie nicht auch mit sowas zu belasten. So viele Menschen und irgendwie so viele Männer sind so widerwärtig und machen unsere Welt zu einem Ort, der so viel schöner sein könnte.

Ich glaube, ich will einfach mal hören, was andere Menschen zu sowas denken. Ich bin so traurig und es fühlt sich so überwältigend an.

Posted Aug 13, 2026, 8:26 PM UTC

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