Ich denke über eine HRT nach, wie über ein Tattoo. Bin ich verrückt??
TL;DR: Ich hab keine Dysphorie und keine weiblich konotierten Interessen. Eine HRT würde ich aber "schon irgendwie spannend" finden und hätte Interesse daran. Kann man das schon Trans nennen?
Ich bin 35 Jahre alt, male at birth. Vor 2-3 Wochen bin ich in einen tiefen Kaninchenbau aus YouTube-Videos von Trans-Content-Creators gefallen. Das ganze hat aber eine ziemlich lange Vorgeschichte:
Meine Schulzeit war recht einsam. Ich war nie »wirklich starkem« Mobbing ausgesetzt. Auch, weil meine Taktik war, mich so gut es geht unsichtbar zu machen. Sag nichts. Zeig keine Emotionen. Sprich nicht über deine Hobbys. Dabei hatte ich immer wieder Phasen, in denen ich mir gewünscht hatte, ein Mädchen zu sein. Nicht, weil ich meinen Körper abgelehnt hätte. Sondern weil ich Mädchen um ihr scheinbar ehrlicheres, wärmes Miteinander beneidet habe. Umarmungen waren dort an der Tagesordnung. Die Spannweite an Ausdrucksmöglichkeiten durch Hobbys, Kleidung und auch Emotionen war breiter. Vielleicht war es nur ein Fall von "das Gras auf der anderen Seite scheint immer grüner".
Meine Sexuellen Phantasien hatten dabei seit aller frühester Jugend und bis heute eine klare Konstante: Ich verwandle mich in ein ca. 11-jähriges Mädchen. Körperlich und emotional. Von meiner Umgebung werde ich dabei in der Phantasie so behandelt, als wäre ich nie etwas anderes gewesen.
Mit zunehmendem Alter wuchs natürlich die Altersdiskrepanz meiner Phantasie: Ich wurde 20, 25, 30 – in meiner Phantasie war mein Alter Ego immernoch ein 11-jähriges Mädchen. Desclaimer an dieser Stelle: Ich bin mir wirklich sehr sicher, dass es nichts mit Pädophilie zu tun hat. Ich fühle mich nicht zu den Körpern von Mädchen hingezogen. Ich möchte das Leben eines Mädchens leben.
Durch meine 20er Jahre hindurch hatte ich hin und wieder Gedankenspiele, dass es doch reizvoll wäre, ein Frau zu sein. Ich habe den Gedanken aber nie wirklich weitergedacht. "Damit mache ich mich zur Zielscheibe in einer Gesellschaftschaft, die schrittweise konservativer und transphober wird. Nein danke. Da kann ich drauf verzichten."
Vor 1-2 Monaten habe ich dann eine A.I.-Website endeckt: "Saucepan.ai". Die Idee ist, dass man der KI einen Handlungsrahmen vorgibt. "Du bist Charakter X. Die Welt funktioniert nach folgendem Regelwerk XYZ. Dein Charakter sollte auf meinen User-Charakter Y wie folgt reagieren." Ausschließlich textbasiert schreibt man dann mit der AI und erschafft gemeinsam ein Roleplay. Es ist wie eine Art Roman, bei dem man selbst der Protagonist ist. Dieses Tool gab mir die Möglichkeit meine Phantasien noch einmal um ein vielfaches plastischer, erlebbarer, echter und emotionaler zu fühlen.
Ausgehend davon habe ich mit einem YouTube-Deepdive begonnen: "Was sagen uns sexuelle Phantasien über uns?" "Was bedeuten Genderswap-Phantasien?" etc. etc.
Die Trans-Community habe ich dabei, zugegeben, ein wenig als Echokammer empfunden. Viele Videos, die sinngemäß beginnen mit: "Woran du erkennst, ob du trans bist. Erstens, dass du dich das überhaupt fragst, ist schonmal kein normales Verhalten für einen Cis-Mann. Ein Cis-Mann weiß, was er ist und hinterfragt das nicht." Dabei wirkt es für mich, als könnte jedes Argument gegen eine Transidentität auch leicht umgedeutet werden:
Ich: "Ich hatte aber nie wirklich Probleme mit meinem Körper. Mein Körper ist mir irgendwie ... egal. Mir ist recht egal, was ich anziehe. Mir ist mein Haarschnitt egal. Das sind Äußerlichkeiten, die mich wenig kümmern. Ich sehne mich auch nicht dringlichst, den Körper einer Frau zu haben."
→"Oh, das sagen viele. Dass ihnen Ihr Körper egal ist. Das ist auch eine verstecke Dysphorie."
Ich könnte auch nicht sagen, dass mich schon immer wie eine Frau gefühlt habe. Ich mein ... ich könnte auch nicht sagen, dass ich mich wie ein Mann fühle. Was soll das überhaupt heißen? Wie soll man jemals wissen, wie es sich anfühlt X zu sein, wenn man sein Leben lang nur X kennt und jeder Referenzpunkt fehlt?!
Ich habe mir viele Trans "Origin Stories" angeschaut. Habe viele Schnittmengen zu mir entdeckt und dann auch wieder nicht. Vor einer Woche stand ich vor meinem Kleiderschrank und wusste zum ersten Mal nicht, was ich anziehen sollte. Alles kam mir falsch vor. Es ist beinahe, als würde ich mir eine Dysphorie wünschen. Als würde ich mir ein Label wünschen, dass mir sagt "Sie sind Trans. Viel Spaß mit ihrer HRT." 🤝
Dieses ganze Thema hat mir sehr den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich evaluiere Erlebnisse meines gesamten Lebens neu und bin mir über nichts mehr sicher: Will ich einfach nur trans sein, bin es aber nicht? Rede ich mir all das nur ein, weil ich ein anderes Leben führen will? Oder habe ich Dinge in meiner Jugend unterdrückt – Wünsche, Gefühl, Ausdruckformen, die doch auf eine Transidentität hindeuten? Ich hab in meinem Leben noch nie so viel geweint, wie in den letzten 3 Wochen ...
Der berühmte Button-Test scheint bei mir auch am Thema vorbei zu gehen:
"Stell dir vor, du könntest einen Knopf drücken und wärst den Rest deines Lebens im Körper des anderen Geschlechts. Alle würden sich genau so behandeln, wie zuvor. Würdest du es tun?"
→ Ich: "Klar. Ich mein ... ich hab mein halbes Leben als das eine Geschlecht gelebt. Wär doch spannend, mal die andere Seite kennen zu lernen."
Und diese Abgeklärtheit macht mir beinahe schon Sorgen. Ich denke über das Thema HRT nach, als wollte ich mir ein Tattoo stechen lassen. Das ist doch nicht .... normal?! Gleichzeitig spüre ich in mir eine Ungeduld. Ich denke "Ich bin 35. Wenn ich das machen will, dann jetzt! Zur Not DIY!"
Ich weiß auch nicht. Wie seht ihr das? Hab ich einfach nur eine wirre Psychose und diese Transidee ist nur eine Art Eskapismus? Oder könnte man das schon einen legitimen Transwunsch nennen, wenn auch sehr resolut und unkonventionell in seiner Ausprägung?
Gern würde ich all das mit einem Therapeuten besprechen. Aber die Wartelisten sind lang ....
Posted Sep 1, 2026, 4:37 PM UTC