Was, wenn ich dünn bin und merke, dass es doch an mir liegt?
Ich bin Mitte 30 und bekomme in knapp zwei Wochen einen Magenbypass.
Ich habe in den letzten Jahren schon ungefähr 40 Kilo abgenommen, von knapp 170 auf aktuell ungefähr 129 Kilo. Irgendwann ging aber einfach nicht mehr wirklich etwas weiter und nach vielen Überlegungen habe ich mich für die OP entschieden.
Ich will diese OP. Ich glaube auch nach wie vor, dass es die richtige Entscheidung ist.
Und trotzdem bekomme ich langsam echt Schiss.
Im Moment ist meine größte Angst tatsächlich noch ziemlich rational: Ich rauche.
Ich reduziere gerade und soll natürlich möglichst komplett aufhören. Das fällt mir wesentlich schwerer, als ich gerne zugeben würde. Und mit jeder Zigarette kommt inzwischen dieser beschissene Gedanke dazu, dass ich damit möglicherweise selbst mein Risiko für Komplikationen erhöhe.
Narkose, OP, Komplikationen. Dieser Moment, in dem ich die Kontrolle abgebe und darauf vertrauen muss, dass ich ein paar Stunden später wieder aufwache und alles gut gegangen ist.
Aber immerhin hat diese Angst ein ziemlich klares Ablaufdatum.
Wenn ich nach der OP wieder wach bin und alles gut gelaufen ist, fällt zumindest ein riesiger Teil davon erstmal weg.
Und irgendwie glaube ich, dass danach der schwierigere Teil anfängt.
Denn diese OP bedeutet eben nicht einfach nur: Ich nehme nochmal 20 oder 30 Kilo ab.
Ich werde danach mein Leben lang supplementieren müssen. Ich muss darauf achten, genug Protein zu bekommen. Essen wird anders funktionieren. Fuck, ich kann nicht einmal mehr einfach gleichzeitig essen und trinken.
Alles für sich machbar. Aber zusammengenommen bedeutet es eben: Ich lasse mir nicht nur etwas operieren. Ich entscheide mich ziemlich bewusst dafür, mein Verhältnis zu Essen und meinem Körper für den Rest meines Lebens zu verändern.
Und dann ist da noch etwas, das wesentlich schwieriger zu greifen ist.
Ich war schon als Kind dick. Und ich kann mich noch ziemlich gut daran erinnern, wie meine Mum mir die letzten 20 Jahre immer mal wieder gesagt hat:
"Wenn du dünn wärst, könntest du so ein schöner Junge sein.“
Thanks, Mum. Hab dich trotzdem lieb. :D
Ich glaube nicht mal, dass sie damit irgendetwas kaputtmachen wollte. Wahrscheinlich sollte das motivierend sein. Aber wenn man so einen Satz als kleiner dicker Junge oft genug hört, bleibt irgendwann eben nicht nur hängen: "Ich sollte abnehmen.“
Es bleibt auch hängen: Da wäre eigentlich etwas Gutes, Schönes, Begehrenswertes an mir.. wenn dieses Gewicht nicht davor wäre.
Und ich glaube, dass ich diese Vorstellung ziemlich lange mit mir herumgetragen habe.
Dass irgendwo unter meinem Übergewicht dieser krasse Motherfucker steckt, der ich eigentlich sein könnte. :D
Wenn ich erstmal abgenommen habe. Wenn ich mich in meinem Körper wohlfühle. Dann werde ich selbstbewusster. Dating wird leichter. Ich traue mich mehr. Irgendwann beginnt dann diese bessere Version meines Lebens.
Und dieses "irgendwann“ war bisher ziemlich bequem.
Denn solange ich noch dick war, konnte ich mir immer vorstellen, wer ich sein könnte, wenn ich es irgendwann nicht mehr bin.
Jetzt habe ich bereits 40 Kilo verloren. Und mit dieser OP besteht eine ziemlich realistische Chance, dass nochmal einiges dazukommt.
Und plötzlich wird eine Vorstellung, die mich im Grunde seit meiner Kindheit begleitet, tatsächlich auf die Probe gestellt.
Was, wenn meine Mum Unrecht hatte?
Oder vielleicht noch schlimmer: Was, wenn sie mit dem Aussehen sogar recht hatte.. ich irgendwann wirklich deutlich schlanker bin, mich äußerlich besser finde – und trotzdem merke, dass sich all die anderen Dinge, die ich über Jahrzehnte an mein Gewicht geknüpft habe, überhaupt nicht automatisch verändert haben?
Was, wenn ich immer noch unsicher bin und irgendwann feststellen muss, dass manches vielleicht gar nicht an meinem Gewicht lag?
Dass es vielleicht doch einfach an mir liegt.
Rational weiß ich natürlich, dass das eine ziemlich beschissene Rechnung ist. Eine Magen-OP operiert einem schließlich kein neues Selbstwertgefühl ein. Und eigentlich mache ich das Ganze vor allem für meine Gesundheit und Lebensqualität.
Vielleicht ist genau das aber das Beängstigende daran:
Ich weiß ziemlich genau, was diese OP körperlich verändern wird. Aber ich habe keine Ahnung, was sie mit meinem Leben machen wird.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit kann ich ein Problem nicht vorher durchdenken, organisieren oder irgendwie lösen.
Ich muss es einfach machen und danach herausfinden, wer ich damit bin.
Posted Sep 12, 2026, 8:41 AM UTC